fbpx

Wurdest du schon mal sexuell belästigt?

»Das nennst du einen Arsch? Du solltest den echt anders verpacken, damit das geil aussieht.«

Ich kann mich bis heute noch so genau an diese Situation erinnern.
Ich weiß, was ich anhatte.
Ich weiß, welche Freundin mir gegenüber stand.
Ich weiß, was diese Aussage emotional bei mir bewirkt hat.


Ich war 11 Jahre alt, als ich zum ersten Mal nicht nur auf meinen Körper reduziert wurde, sondern dieser auch noch bewertet und genaugenommen denunziert wurde.


Der Typ war übrigens auch 11 und ging mit mir in eine Klasse.

Mit 13 Jahren wurde ich das erste Mal im Freibad betatscht (wie sich später rausstellte, eines von vielen Malen). Mit 16 hat mich auf dem Weg zu meinem damaligen Freund ein Auto verfolgt und ein Mann belästigt, bis ich das Haus meines Freundes erreicht hatte. Mit 18 konnte ich es schon nicht mehr an beiden Händen abzählen, wie oft ich Kommentare über meine Brüste bzw. meinen Ausschnitt gehört hatte. Mit 20 Jahren habe ich angefangen, alle Aussagen oder Bemerkungen zu ignorieren oder mit einem Augen verdrehen abzutun. Mit 25 war ich soweit, alles hinzunehmen, solange es »nicht so schlimm ist«.

Letzte Woche wurde zusammen mit sehr großartigen Frauen und dank Joko & Klaas in der Prime Time eines riesigen deutschen Fernsehsenders auf die Tragweite von sexueller Belästigung (und den zahlreichen Formen davon) aufmerksam gemacht. Der 15-minütige Spot wurde von Sophie Passmann angekündigt, dass er nichts für schwache Nerven ist und auf empfindsame Zuschauer verstörend wirken könnte. Die Shares wurden anschließend auch (zurecht) mit einer Triggerwarnung rausgegeben. Die 15 Minuten enthielten die Sonderausstellung »Männerwelten«. Angefangen von ungefragten »Dick Pics«, sexistischen und herablassenden Kommentaren, über fragwürdige Chatnachrichten, bis hin zu Vergewaltigungsszenen.

Die Szenen selbst haben mich nicht verstört oder überrascht. Auch viele meiner Freundinnen nicht. Denn: Sie sind Keiner von uns fremd. Im Gegenteil, sie gehören zum Alltag einer jeden Frau. Das Hinterherpfeifen am Straßenrand, die zweideutigen Nachrichten in den Sozialen Medien, die hartnäckige Anmache im Club, der Klaps auf den Hintern, die bewusste Berührung im Vorbeigehen, die fehlende Akzeptanz und darauffolgende Aggression eines Neins, das Dickpic ohne danach gefragt zu haben, die Bewertung des Körpers unter einem Posting, das Verfolgen auf dem Nachhauseweg, das penetrante Anstarren von oben bis unten in der Ubahn, die Hand des Sitznachbarn am Oberschenkel.

Der Beitrag letzte Woche hat nicht nur für Aufsehen gesorgt, sondern auch Kritik eingesteckt. Kritik, die berechtigt ist, weil gewisse Aspekte davon noch mehr herausgestrichen werden oder überhaupt erwähnt hätten sollen. Das dann auch noch vermeintlich lustige Szenen aus der Vergangenheit von Joko & Klaas aus der Versenkung hervorgeholt wurden, die genauso in diesen Bereich fallen, zeigt besonders, was in dieser Gesellschaft so schief läuft. Trage ich dazu bei, dass viele Formen dieser sexuellen Belästigung als »nichts« abgetan werden, bevor sie nicht die Kategorie eines gewaltsamen Akts erreicht haben? Ich weiß es nicht.

Wenn ich heute ungefragt ein Dickpic erhalte, ignoriere ich es und blockiere den User. Wenn mir jemand im Club an den Hintern greift, echauffiere ich mich zwar, gehe aber dann keine weiteren Schritte gegen ihn vor. Wenn ein Typ mir merkwürdige Anmachsprüche hinterherhaut, stelle ich mich taub. Wenn ich mich unwohl fühle – egal ob in der Ubahn oder der verlassenen Straße -, versuche ich die Szene zu verlassen. Wenn ich nach 22:00 Uhr nach Hause muss, nehme ich ein Taxi und nicht die öffentlichen Verkehrsmittel.

»Das ist doch keine sexuelle Belästigung.«
»Meine Güte, sieh es doch als Kompliment.«
»Solang nichts passiert, können wir ihn nicht daran hindern, dass er ihnen jedes Mal zu ihrer Wohnung folgt.«
»Darf man jetzt nicht mal mehr hinsehen?«
»Du solltest halt einfach weniger trinken, wenn du unterwegs bist.«
»Naja, der Rock ist auch ganz schön kurz, dann will man das doch.«
»Als ob dir das schon mal passiert ist.«

Guess What: Wenn ich meine Oberschenkel in meiner Instastory zeige, ist das kein Freibrief für Dirty Talk in meinen DMs. Weil ich ein Foto poste im Bikini oder Unterwäsche (oder noch weniger) ist es keine Einladung, mir ein Dickpic zu schicken. Wenn ich um 3 Uhr morgens mit einem Damenspitz lächelnd aus der Ubahnsteige, ist es kein Angebot mich anzumachen. Nur weil ich Single bin und meinen eigenen Körper feiere, ist es noch lange kein Grund anzunehmen, dass ich jemanden auf dieser Party dabeihaben will. Wenn ich ein kurzes Kleid trage, einen tieferen Ausschnitt oder vielleicht sogar fast gar nichts, bedeutet es nicht, dass ich den roten Teppich für dumme Kommentare oder irgendeine andere Art von sexueller Handlung ausrolle.

Wenn sich jemand fragen muss, ob es sich bei einem Flirtversuch, dem zweideutigen Kommentar oder der dirty Nachricht vielleicht um sexuelle Belästigung handeln könnte, ist die Antwort vermutlich ja. Die Quintessenz davon, ob man sich in einem angebrachten und nicht-belästigenden Rahmen bewegt, ist übrigens ganz einfach:


Wenn ich es will, lasse ich es dich wissen.
Wenn ich Nein sage, akzeptiere es.

Nein heißt Nein.

// Am 29. April ist übrigens der internationale #DenimDay. Er soll darauf aufmerksam machen, dass es nicht darauf ankommt, was Opfer von Vergewaltigung und sexueller Belästigung getragen haben. Er soll darauf aufmerksam machen, dass es NIE die Schuld des Opfers ist.

Logo - Over The Top by Chris - Storyblog