fbpx

Wie es ist, als Dorfkind aufzuwachsen

Es ist längst nichts Neues mehr, dass ich im Herzen ein Landei bin und immer sein werde. Und es ist generell auch oft genug Gesprächsstoff – vor allem mit diesen ganzen Stadtkindern in meinem Leben, die es immer wieder faszinierend finden, welche Bräuche und Traditionen ich mitbringe oder welche von ihnen ich schlicht und einfach nicht kenne. Ein besonderer Faktor ist es natürlich, dass ich nicht von irgendwo am Land komme, sondern von einem winzigen Nicht-einmal-2000-Seelen-Dorf in Vorarlberg, das westlichste Bundesland mit all seinen Mythen und merkwürdigen Dialekten, die sonst keiner versteht.

Am Land bzw. im Ländle aufzuwachsen ist großartig! Zumindest, bis die Hormone einsetzen und man sich in einen wilden und möchtegern-unabhängigen Teenager verwandelt – in dieser Zeit graust einen das Landleben etwas und beide Elternteile werden mit Vorwürfen über die schreckliche Wohnsituation aka. “am Arsch der Welt” zugemüllt, aber Gott sei Dank gehören diese Jahre irgendwann auch wieder der Vergangenheit an. Und im Großen und Ganzen ist das Leben am Land ziemlich fancy und für kein Geld der Welt würde ich meine Dorfkind-Erlebnisse gegen die eines Wiener Stadtkinds tauschen wollen.

Stimmt: Starbucks, schnelles Internet und die Ubahn kannte ich lange Zeit nur aus dem TV und ich brauchte den einen oder anderen Moment, um mich in Wien zurecht zu finden, aber grundsätzlich kann kein noch so leiwander Coffee-to-go-Moment einer richtigen Kuhmilch-vom-Nachbarn-Kindheit das Wasser reichen – sorry. Weil gewisse Dinge im Leben, lernst und kennst du einfach nur als Dorfkind.

Du hast all die Milliarden Sterne am Himmel gesehen
Kein Scherz. Bisher war kein Nachthimmel so schön wie der in meinem Heimatdorf – das musste sogar mein Exfreund bei seinem ersten Besuch zugeben und war ganz schön fasziniert, wie anders das Himmelszelt aussehen kann. Und das obwohl er nur 20 km weiter aufgewachsen ist.

1dorfkind-aufgewachsen-vorarlberg

Vom surrenden Stromzaun bis hin zur Teufelsbrut Hagebutte
Es ist eine der Mutproben am Land: Den Stromzaun des Nachbar-Bauern zu berühren, obwohl man weiß, das er geladen ist. Und wenn du noch nie mit Hagebutten gekämpft hast, weißt du nicht was Juckreiz bedeutet.

Du stehst unter Beobachtung
Uff, das ist vor allem in der Teenager-Zeit sehr, sehr mühsam – weil deine Eltern einfach alles wissen und überall Augen und Ohren haben. Zu schnell mit dem Moped unterwegs, das doch eigentlich sowieso nur 45 km/h fahren dürfte? Das Dorffest erst um 3 verlassen, obwohl Mitternacht ausgemacht ist? Hier bist du nie inkognito unterwegs, gehst aber auch nicht so leicht verloren.

Bekannt wie ein grauer Hund
“Und von wo bist du aus Vorarlberg?” – “Aus einem ganz kleinen Dorf direkt am Bodensee, ziemlich unbekannt.” – “Ah ja? Welches denn? Ich war schon so oft in Bregenz, das kenne ich bestimmt!” – “Gaißau. Das liegt eh im Bezirk Bregenz!” – “Oh, schön!” – “Du kennst es?” – “mhh, ne.” … So und nicht viel anders laufen meistens Gespräche mit den alten Vorarlberger-Experten aus der restlichen Welt ab, die unbedingt wissen wollen, wo ich meine Wurzeln habe. Das Witzige dabei ist: Nicht mal alle Vorarlberger wissen, wo das Dorf liegt, in dem ich aufgewachsen bin. Dabei gibt es nur eine Straße, die dorthin führt (was wiederum zum Vorteil hat, dass man sich eigentlich gar nicht verfahren kann).

Frischekick vom Nachbarn
Seit ich denken kann, kauft meine Mama diverse Lebensmittel direkt bei uns im Dorf ein – egal ob Eier, Käse, Fisch, Gemüse oder Obst. Rein theoretisch könntest du hier überleben, ohne die Gemeinde verlassen zu müssen. Bei einer möglichen Zombie Apokalypse gar nicht so schlecht.

Do it Yourself
Du erfindest nicht nur irgendwelche Mutproben und Kriegsspiele, sondern spielst tatsächlich in und mit der Natur. Wenn ihr wüsstet, wieviel Froschlaich und Kaulquappen ich als Kind schon untersucht habe – ich könnte vermutlich Tierarzt werden (bzw. habe ich dadurch entdeckt, dass ich es nicht sein möchte).

dorfkind-aufgewachsen-vorarlberg

Endlose Weiten
Wenn ich aus dem Fenster unseres Hauses schaue, sehe ich hauptsächlich grün. Wiese, Wald, noch mehr Wiese, Berge und dann noch ein (hoffentlich) strahlend blauer Himmel. So etwas gibt es in Wien nicht, egal welchen Hügel du erklimmst. Natürlich, diese Weiten gehen auch Hand in Hand mit endlos langen Heimwegen, aber spätestens mit dem Moped-Führerschein ist das nicht mehr ganz so schlimm. Außerdem hast du in der täglichen 50-minütigen Busfahrt in die Schule die Zeit, deine Hausaufgaben abzuschreiben zu machen.

Ich könnte noch tausendundeins mehr Gründe aufzählen, warum es der Hammer ist, ein Dorfkind zu sein und ich glaub der absolute Überhammer ist es nur dann, wenn du als Dorfkind in die Großstadt abwanderst, weil du spätestens zu diesem Zeitpunkt mit wirklich allen Wassern gewaschen bist (HA!). Oder was meint ihr? Landei oder Stadtkind?

Logo - Over The Top by Chris - Storyblog