Warum ich mich nach 10 Jahren gegen die Pille entschieden habe

“Du hast jetzt also deinen ersten richtigen, festen Freund… Das heißt, wir werden demnächst mal zur Frauenärztin gehen und dich auf die Pille testen lassen”, erklärt meine Mom ganz sachlich und ohne irgendwelche Umschweife. Meinem 16-jährigen Ich ist das – wie soll es auch anders sein – etwas peinlich, ich nicke ohne großartig etwas dazu zu sagen.

Die Anti-Baby-Pille war mir damals schon nicht unbekannt. Meine Schwester nahm sie, meine Freundinnen nahmen sie und kurz vor dem kleinen Vortrag meiner Mama hatten wir darüber in Biologie gesprochen. Für mich war immer klar, dass ich die Pille als Verhütungsmittel wählen werde, wenn ich Sex haben würde. Abgesehen davon, dass es eine ungewollte Schwangerschaft verhindert, gibt es natürlich auch noch die ganzen anderen (propagierten) Vorteile: Nicht mehr von der Regel überrascht werden (sie sogar verhindern können, wenn beispielsweise ein Urlaub ansteht), schöneres Hautbild und Haar bekommen und was-weiß-ich-noch.

Über 10 Jahre lang habe ich ohne wirklich darüber nachzudenken die Pille genommen. Und das, obwohl ich anfangs Schwierigkeiten damit hatte, die ‘Richtige’ zu finden. Nur meiner Mom ist es überhaupt zu verdanken, dass mir bei der Frauenärztin zumindest Blut abgenommen und es untersucht wurde, ob und wie gefährdet ich für Thrombose bin. Nachdem das abgesegnet worden war, hatte ich mein erstes Gespräch mit meiner damaligen Frauenärztin und im Nachhinein betrachtet, macht mich das immer noch ziemlich wütend. Ihr müsst wissen: Ich war damals junge 16 Jahre alt, alles was ich über Verhütung wusste, hatte ich aus dem Schulunterricht (und das war wirklich nicht viel) und ob ich damals überhaupt schon wirklich eine Ahnung von meinem eigenen Körper und Zyklus hatte, bezweifle ich immer noch. Ganz zu schweigen von STDs und der klitzekleinen Tatsache, dass Kondome ja eigentlich von mehr als nur einem ungewollten Baby schützen und deswegen auch mit Pille nicht links liegen gelassen werden sollten. Da saß ich nun, nervös und irgendwie peinlich berührt und doch wissbegierig – nur um einfach eine Probepackung in die Hand gedrückt zu bekommen und die Info, dass ich mir beim Empfang mein Rezept abholen kann. Ich wusste es einfach nicht besser, als das hinzunehmen und nicht mehr nachzufragen. Etwa 4 Monate später saß ich wieder auf diesem Stuhl, wieder wegen der Pille. Irgendwie hatte ich Probleme mit der jetzigen und klagte mein Leid meiner Frauenärztin und ich höre ihre schnaubende Stimme immer noch, als wäre es gestern gewesen, während sie in ihrer ominösen Schublade von Proben gegraben hat: “Na, dann probieren Sie eben mal die.” – “Und wenn ich mit der auch nicht klar komme?” – “Ge, des wird schon passen. Sonst müssen wir halt noch eine andere probieren”. Wieder habe ich sie wortlos entgegengenommen, wenn aber inzwischen auch mit einem bitteren Beigeschmack und dem Wissen, dass diese Ärztin eventuell nicht die Richtige für mich ist. Fun Fact: Es dauerte dieses Mal keine 2 Monate, dass ich die Pille wieder wechseln musste/wollte, weil es noch weniger gepasst hat. Beim 3. Versuch bin ich dann aber – junges Teenager-Besserwissen sei “Dank” – zu meinem Hausarzt und hab mir von ihm einfach eine andere verschreiben lassen.

Ich bin nie auf die Idee gekommen wirklich darüber nachzudenken, was ich meinem Körper alles so an Hormonen reinpumpe. Wie auch, im Endeffekt war ich eigentlich über  Jahre ohne ungute Nebenwirkungen. Zumindest dachte ich das. Es hat tatsächlich Jahre gedauert, bis ich mich mehr damit beschäftigt habe, wie sich die Anti-Baby-Pille eigentlich noch so auswirken kann – bei mir war beispielsweise körperlich eigentlich keine großartige Nebenwirkung festzustellen, außer, dass ich plötzlich viel leichter zunahm (ob das jetzt aber in Zusammenhang steht oder generell einfach mit der Pubertät zu tun hatte, weiß ich nicht). Was ich aber inzwischen weiß: Es hat sich definitiv auf mein Gemüt ausgewirkt. Und das im negativen Sinne. Ich war nicht todunglücklich, aber ich war sehr sehr oft sehr schlecht drauf, generell ein Pessimist durch und durch und hatte irgendwie das Gefühl, dass mich etwas runterzieht – konnte aber nie festmachen was genau. Mit Anfang/Mitte 20 hat sich das irgendwann auch auf meine Libido ausgewirkt.

Ich hatte plötzlich alles andere als Lust auf Sex
und zeitweise wollte ich nicht mal berührt werden.

Zu diesem Zeitpunkt war mir bereits bewusst, dass es mit der Pille zu tun hatte und ich habe mich erstmals bei Alternativen in Sachen Verhütung umgesehen. Irgendwie war mir aber alles andere suspekt, ich hatte immer noch nicht “meine” Frauenärztin gefunden und zu allem Überfluss hat es meinen damaligen Partner auch nicht wirklich interessiert, dass mich die Pille so sehr belastete. Also habe ich resigniert. Es aufgeschoben und mich mit der Situation abgefunden.

Warum ich Ende 2016 dann plötzlich doch meine Meinung geändert habe, weiß ich ehrlich gesagt nicht genau. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass es in der Beziehung schon mehr als weniger kriselte und ich dadurch viel mehr auf mich geachtet habe. Vielleicht lag es daran, dass ich mich viel mehr mit mir selbst und meinem Körper beschäftigt habe oder die Pille abzusetzen nicht nur bei meinen Freundinnen, sondern auch in der Öffentlichkeit immer mehr zum Thema wurde. Oder aber es war die Tatsache, dass ich zu diesem Zeitpunkt endlich endlich endlich die für mich richtige Frauenärztin gefunden habe. Am Ende waren es vermutlich alle Faktoren zusammen, die dazu geführt haben, dass ich im Dezember 2016 einen Beratungstermin hatte, um mich über hormonfreie Verhütung zu erkundigen. Aktuell gibt es hier im langfristigen und hormonfreien Bereich im Endeffekt eigentlich nur die Spirale bzw. – und dafür hab ich mich nach einem Test und in Absprache mit meiner Ärztin auch entschieden – die Kupferkette. Der Dezember war gleichzeitig auch der letzte Monat, in dem ich die Pille genommen habe.

2017 habe ich ohne Pille gestartet
und mich vom ersten Moment an besser gefühlt.

Es mag die ersten Tage eine Art Placebo-Effekt gewesen sein, aber mir ist ab Tag 1 ohne Pille gleich ein Stein vom Herzen gefallen, ich hab mich freier gefühlt und besser und mit jedem Monat, der anschließend verging, wurde dieses Gefühl besser. Gut, ich würde mich jetzt nicht als Honigkuchenpferd-grinsenden-Optimist bezeichnen, aber sogar meinen Freunden ist aufgefallen, dass ich einfach irgendwie.. glücklicher wirkte und besser drauf war. Und in Anbetracht der Tatsache, dass in diesem Jahr auch meine 7-jährige Beziehung in die Brüche gegangen ist, soll das schon was heißen.

Ja, es gab auch ein paar “Schattenseiten”: Ich hab anfangs (wie fast alle, die die Pille absetzen) unreinere Haut bekommen, kurzzeitig hatte ich stärkeren Haarausfall. Meine Regel ist 1-2 Tage länger als zuvor und auch stärker und an den ersten beiden Tagen würde ich mir aufgrund der Schmerzen am liebsten die Kugel geben. Aber, wenn ich euch eines garantieren kann: Das ist es auf alle Fälle wert.

Das Gefühl der Leichtigkeit,
das hab ich nicht verloren – im Gegenteil.

Ich fühl mich viel mehr wie ich selbst, ich habe mich automatisch viel mehr mit meinem Körper und meinem Zyklus beschäftigt und ich würde diese Entscheidung jederzeit wieder fällen. Das heißt nicht, dass ich die Pille komplett verteufle. Ich finde es im großen und ganzen nicht schlimm, dass ich damals mit der Pille “gestartet” habe – ich hätte mir nur gewünscht, dass ich mir darüber mehr Gedanken gemacht hätte. Dass mein junges und naives Ich von meiner Ärztin mehr an die Hand genommen worden wär, dass mich mein Ex bei dem ersten Auftreten meiner Bedenken mehr unterstützt hätte (Verhütung ist NICHT allein Frauensache) oder dass in meiner Umgebung damals die Pille nicht das Um und Auf in Sachen Verhütung gewesen wäre. Hätte, wäre, könnte – ich kann die Vergangenheit nicht ändern, aber vielleicht hilft der einen oder anderen (jungen) Frau meine Erfahrung jetzt bei ihrer Entscheidung.

Disclaimer: Das hier sind meine persönlichen Erfahrungen und Recherchen. Ich bin keine Ärztin und bei Fragen oder Problemen, solltet ihr euch natürlich immer an diese wenden.

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2 Comments

  • Leonie
    4 Monaten ago

    Liebe Chris! Ich kann deinem Bericht zu 100% zustimmen!! Hab so ziemlich GENAU DASSELBE erlebt!! Seit März 2017 bin ich auch hormonfrei und möchte NIE wieder zurück zur “Pillen/Hormonspiralenzeit” !! Finds eine Frechheit, dass Frauenärzte so pauschal und ungenau aufklären und nicht das Individuum sehn! Hab auch lange nach einer alternativen Ärzting gesucht, die mir letztendlich den Kupferball empfohlen und eingesetzt hat.
    Bin super zufrieden und möchte dieses “normale und natürliche” Gefühl nicht mehr missen!!
    Alles Liebe dir!

  • Samira
    3 Monaten ago

    Ein sehr schöner Beitrag. Ich habe meine Pille nach 15 Jahren im Jahr 2014 abgesetzt und bereue es auch keineswegs. Ich habe seither zwar mehr mit meiner unreinen Haut zu kämpfen, da ich einfach einen sehr agilen Hormonhaushalt habe, aber ich möchte mich nie mehr mit Hormonen zupumpen. Das fühlt sich einfach nicht richtig und nicht natürlich an. Ich habe mich im Zuge meiner Rückbesinnung auf die Natur auch einer Bioresonanz-Therapie unterzogen. Die habe ich bei praxis-natur-heilung.at/wien gemacht. Es wurden alle Gifte, die ich über die Jahre so in meinen Körper aufgenommen habe ausgeleitet und alle Energieblockaden gelöst. Keine Migräne-Attacken mehr, keine ständigen Verspannungen und keine Verdauungsstörungen mehr. Einfach wunderbar. Ich kann nur an jeden appellieren, sich um seinen Körper zu kümmern und möglichst natürliche Heilungswege und Verhütungsmethoden zu wählen! Ich nehme zum Beispiel ganz einfach immer ein Kondom und mein Partner und ich freuen uns schon sehr auf die Zeit, wenn wir ein Baby wollen. Das wird für uns wirklich etwas ganz Besonderes. :)

    Liebe Grüße
    Samira

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