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Vom Weltschmerz und der Zuversicht

»Weißt du was? Wir schreiben jetzt eine Liste, was in diesem Jahr alles passieren wird. Und in einem Jahr, wenn du wieder Geburtstag hast, sehen wir nach, was davon tatsächlich passiert ist.«

Guess what, eine weltweite Pandemie stand nicht auf dieser Liste, die ich voller Euphorie und mit einem leichten Damenspitz an meinem 29. Geburtstag verfasst habe. 2019 war so ein merkwürdiges Jahr – merkwürdig und irgendwie furchtbar genug, dass ich mir sicher war: 2020 wird definitiv besser.

Motiviert und voller Tatendrang bin ich dem Januar entgegen gesprungen (etwas langsamer als sonst, nachdem ich Silvester in wunderschöner Zweisamkeit mit einer Angina im Bett verbracht habe). Es war egal, dass der Workload extrem hoch war – immerhin hat es mir dennoch Spaß gemacht und ich wusste, dass es nicht von Dauer sein wird. Abgesehen davon hab ich trotzdem meine freie Zeit in vollsten (Achtung, Wortspiel) Zügen genossen. Das hohe Arbeitspensum hat sich in den Februar gezogen, aber auch das war egal: Ich wusste, mit meinem Geburtstag – der quasi das Ende des zweiten Monats einläutet – wäre das vorbei und ich einen Schritt weiter, besagte Liste in die Tat umzusetzen. Das Jahr meines Lebens; so oder so ähnlich war das in meinem Kopf abgespeichert. Kleinere und größere Makel ergaben sich, aber es war mir mehr oder weniger egal; immerhin war es ja auch erst der Anfang und noch so viel Zeit.

Spulen wir vor.

Heute ist Anfang April. In zwei Wochen war ein Trip geplant mit meinen besten Freunden in die Heimat – ich wollte ihnen zeigen, wo ich aufgewachsen bin. Was es mit dem Satz »das macht/sagt man in Vorarlberg so« wirklich auf sich hat. Der Trip ist gecancellt. Die Konzerte im März, April, Mai (und inzwischen wissen wir im Juni definitiv) auch. Die herbeigesehnte Reise im Frühling nach Hamburg sowieso. Ob der geplante Familienurlaub im August stattfinden kann, daran lässt sich gerade noch zweifeln. Stattdessen steht nicht nur das Land, sondern die ganze Welt gerade still. Meine Probleme sind – wie so oft – hauptsächlich first world problems. Es gibt gerade genügend andere Dinge, die so viel wichtiger sind, als die Tatsache, dass eine Reise oder ein Konzert abgesagt werden muss.

Es tut weh.

Es tut weh, nicht mehr beitragen zu können. Es tut weh, die Zeit davor nicht anders oder noch mehr genutzt zu haben. Es tut weh, dass die (eigene) Welt stillsteht. Es tut weh, nicht dem normalen Alltag nachgehen zu können. Es tut weh, nicht zu wissen, wann es vorbei sein wird. Es tut weh, in einem verlassenen Büro zu stehen und nur dort zu sein, um nach der Post zu sehen. Es tut weh, all die Schicksalsschläge von Freunden und Familienmitglieder tatenlos mitansehen zu müssen. Es tut weh, wenn ein bisher so behütetes Leben auf den Kopf gestellt wird. Es tut weh, zu wissen wie sehr es die trifft, die nicht so behütet sind.

Weltschmerz ist ein von Jean Paul geprägter Begriff für ein Gefühl der Trauer und schmerzhaft empfundener Melancholie, das jemand über seine eigene Unzulänglichkeit empfindet, die er zugleich als Teil der Unzulänglichkeit der Welt, der bestehenden Verhältnisse betrachtet.

Quelle: Wikipedia

Ich bin kein klassischer Optimist.

Die meisten meiner Freunde müssen bei diesem Satz vermutlich auflachen, komm ich mit meiner ab und zu derb zynischen Art der anderen Seite doch viel näher. Ich seh mich aber auch nicht als Pessimist. Ganz im Gegenteil: Ich bin Realist – mit einem Hang zu übertriebenem Zynismus, je nach Situation. Für mich ist das Glas nicht halbvoll, aber auch nicht halbleer. Es ist ein Glas, dass ich selbst nach Belieben füllen kann. Ich glaube, dass man alles schaffen kann, wenn man nicht darauf wartet, dass es einem einfach passiert, sondern man die Dinge selbst in die Hand nimmt. Aber warum erzähle ich das jetzt?

Alles wird gut.

Tief in mir drin weiß ich, dass wir das schaffen werden. Ich weiß, dass alles gut wird. Ich weiß, dass wir im Herbst zusammensitzen, den Altweibersommer genießen und das verrückte Jahr rekapitulieren werden. Ich weiß, dass wir die kleinen Dinge dann mehr schätzen und andere in Frage stellen werden. Ich weiß, dass ich dazu beitrage, wenn ich jetzt konsequent alles einhalte, was empfohlen oder auch vorgegeben wird. Weil ich keinen sozialdarwinistischen Ansatz unterstützen möchte, der das unausweichliche Sterben von Schwächeren impliziert, nur weil ich meine Treffen mit Freunden und Familie nicht virtuell abhalten will. Ich weiß, dass klingt hart und es ist auch nicht leicht, aber ist ohne allzu großen Aufwand machbar und deswegen auch nicht zu viel verlangt.

Und ich weiß auch, dass ich nächstes Jahr, an meinem 30. Geburtstag besagte Liste ansehen, einen großen Teil davon abhaken und mein Resümee ziehen werde – vom zweiten Halbjahr 2020, welches all die Erwartungen erfüllt hat, die ich daran hatte. Und vielleicht noch mehr.

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