Anzeige: Mütter und ihre Töchter

18. April 2018

“Du verstehst das nicht, du hast keine Ahnung wie es mir geht”, schmettere ich ihr erbost ins Gesicht und stampfe wütend mit dem Fuß auf. Gegenüber von mir steht meine Mom in der Küche und auch ihr Gesicht ist inzwischen wutverzerrt. In diesem Moment bin ich voll und ganz der Meinung, dass ich Recht habe, meine Mutter der gemeinste Mensch auf der Welt ist und ich mitunter auch das unfairste und schlimmste Leben auf der ganzen Welt habe – weil mich meine Mama nicht fortgehen lassen will.

– Oder was auch immer der ziemlich harte Grund damals für mein pubertierendes Drama in drei Akten war. Ich war an sich kein Problemkind, aber auch nicht die einfachste Tochter der Welt. Zumindest war ich im Gegensatz zu meiner großen Schwester nicht gerade vorbildlich und eher das schwarze Schaf der Familie: Ich habe mit 15 angefangen mit Freunden auszugehen (und Alkohol zu trinken), (nicht ganz so) heimlich dabei auch zu rauchen begonnen und es mit der Wahrheit auch nicht immer ganz so genau genommen, wenn ich meinen Eltern irgendetwas davon erzählt habe, dass ich um Mitternacht bereits auf dem Heimweg zur Freundin bin, bei der ich wieder mal übernachtete (Spoiler: wir waren nie um Mitternacht zuhause).

In meinen jüngsten Jahren galt ich immer als absolutes Mamakind – ungute Zungen behaupten sogar, dass ich einen Aufstand angezettelt hab, sobald sie den Raum verlassen hat. Irgendwann im Laufe der späten Teenagerjahre bin ich dann – vor allem aufgrund der vielen pubertären Diskussionen mit ihr und meines ihm recht ähnlichen Charakters – mehr zu einem Papakind geworden. Mit Papa konnte man Bier trinken, (Zigarre) rauchen und dreckige Witze reißen; Er hat mir das Autofahren ohne Schweißperlen auf der Stirn beigebracht und mir gezeigt, wie wichtig es ist für sich selbst einzustehen und das nötige Selbstbewusstsein zu haben. Papa war einfach einen Ticken cooler, weniger stressig, weniger bevormundend. Zumindest war das meine Überzeugung gegen Ende meiner Teenagerzeit. Es fällt mir schwer es zuzugeben, aber: Ich musste selbst zuerst erwachsen werden, um zu erkennen, wie positiv mich meine Mama beeinflusst hat, wie viel Züge ich von ihr übernommen habe und das sie (schon immer) die allererste Person war, die ich bedingungslos geliebt habe und liebe – all der Unterschiede zum Trotz.

Es sind nur noch wenige Meter zu meinem Elternhaus. Der Grund für meinen Besuch in der Heimat ist dieses Mal kein schöner: Vor ein paar Tagen ist meine Oma verstorben und auch wenn es nicht überraschend gekommen ist, tut es nicht weniger weh. Es ist das erste Mal, dass ich alt genug bin, um den Tod eines nahen Familienmitglieds mitzubekommen und ich weiß noch nicht so richtig, wie ich damit umgehen soll. Denn: Es ist die Mama meiner Mama. Schweren Herzens steige ich aus dem Auto aus, schnappe mir meinen Koffer und schreite zur Haustür. Ich klingel und da steht sie: Meine immer starke Mom, die sich versucht ein Lächeln abzuringen und irgendetwas Aufmunterndes zu sagen, immerhin ist es doch ihre Aufgabe. Und dort im Türrahmen bricht mein Herz zum ersten Mal, seit ich die Nachricht erhalten habe, so richtig. Weil ich weiß, wie weh es ihr tut und weil ich mir nicht vorstellen kann, wie es sein mag, die eigene Mama gehen zu lassen und weil ich nicht will, dass sie so leidet. Und ich weiß nicht, was ich sagen soll oder kann, um ihr etwas von ihrem Leid zu nehmen, um die Situation erträglicher zu machen – weil es eigentlich nichts gibt, was das vermag. Ich lasse meinen Koffer fallen und ziehe sie in eine so feste Umarmung, dass wir am Ende beide keine Luft mehr kriegen und für wenige Momente stehen wir einfach da und halten uns fest.

Die Mutter-Tochter-Beziehung gilt als die komplexeste zwischenmenschliche Beziehung überhaupt – keine Verbindung schwankt so sehr zwischen Liebe und Streit wie diese. Im einen Moment wollen wir wie sie sein, im anderen verfluchen wir ihre bevormundende Art auf das Schlimmste. Gerade in der Pubertät wird das Verhältnis auf eine Probe gestellt und ich bin im Endeffekt auch wirklich froh, dass meine Mama und ich meine dramatischen Jahre ganz gut überstanden haben. Natürlich: Wir diskutieren auch heute noch und gehen uns auf die Nerven, aber sind zumindest beide inzwischen erwachsen genug, daraus keine große Sache zu machen (meistens jedenfalls). Und im Endeffekt kann ich sogar behaupten, dass es mich ein klein wenig stolz macht, wenn ich Sätze wie “Du bist wie deine Mama” höre. Der Weg dorthin – und das wissen vermutlich alle Töchter dieser Welt – ist nicht unbedingt ein leichter.

Lady Bird* – ab 19. April in den österreichischen Kinos

Christine befindet sich mit ihren 17 Jahren gerade mitten in der berühmtberüchtigten Pubertät und Selbstfindungsphase. Sie hat sich selbst den Namen Lady Bird gegeben und wird im kommenden Jahr ihren Abschluss an einer katholischen Highschool in ihrer Heimat Sacramento machen – um dann endlich aus dem kalifornischen Hinterland zu fliehen. Ihre Mutter Marion ist von diesen Plänen alles andere als begeistert, besonders da das Geld der Familie einfach zu knapp ist (insbesondere seit der Familienvater seinen Job verloren hat). Neben der (uns) nicht unbekannten und (für sie) nicht unkomplizierten Beziehung von Lady Bird zu ihrer Mutter, erfährt sie ganz nebenbei auch noch die Struggles der ersten Liebe, verlorenen Freundschaften und ganz normalen Zukunftsängsten.

Auf den ersten Blick scheint Lady Bird* wie ein klassischer Film über das Erwachsenwerden. Nichtsdestotrotz sollte man sich davon nicht abbringen lassen, denn die beiden Schauspielerinnen Saoirse Ronan und Laurie Metcalf machen die Geschichte mit einem absolut herausragenden Portrait einer Tochter-Mutter-Beziehung zu etwas ganz Besonderem. Lady Bird fängt den dramatischen Kern des Erwachsenswerdens perfekt auf und erzwingt dabei aber kein Pseudo-Happy-End. Nicht nur bei einer Szene konnte ich mein eigenes Teenager-Ich (oder auch meine Mama) wiedererkennen, kombiniert mit schmunzeln und/oder auch etwas fremdschämen. Lady Bird ist auf jeden Fall ganz großes Kino und bereits jetzt eines meiner diesjährigen Highlights. Kleiner Tipp: Bestenfalls die eigene Mama schnappen und sich das Ganze auf der großen Leinwand ansehen.

*In freundlicher Kooperation mit Universal Pictures Austria

Related Posts

1 Comment

  • Julialeonie
    5 Monaten ago

    ein sehr schöner Beitrag…bei mir war das ähnlich – Mama war “halt immer” da und deswegen sind wir auch oft aneinandergekracht. Mein Dad war immer ganz entspannt und neutral und “cool” wenn er um 17.00 von der Arbeit heimkam – mit ihm konnte ich gechillt reden und er hat immer zwischen meiner Mum und mir vermittelt…
    Heute seh ich das anders : Meine Mum ist vor 15 Jahren an Krebs gestorben, ich war 14, meine Schwester 12, ich hab mir sooo oft gewünscht mit ihr streiten zu können….
    Genießt die Zeit mit euren Müttern so intensiv ihr könnt!! Man weiß nie, wie lang die Zeit miteinander ist….

Leave A Comment