fbpx

Ich bin nicht deine Freundin

3. März 2019

Als Blogger – gerade im Lifestylebereich – verschwimmen die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem schnell. Gerade wenn man dann noch seinen Alltag auf Social Media begleitet, hat man als Leser schnell das Gefühl, dass man überall mit dabei ist. Man lernt Gewohnheiten kennen, sieht die Gesichter der Freunde, erfährt zunehmend mehr über die Person und bekommt einen Bezug zu ihr. Dieses Phänomen nennt sich parasoziale Beziehung oder Interaktion – wenn Menschen glauben, dich so gut zu kennen, dass sie dich als Freundin sehen und auch glauben, dass sie dir alles schreiben und jede Frage stellen dürfen (und sich vor allem auch eine Antwort erwarten).  Aber warum erkläre ich das jetzt?

"Wir haben doch schon oft miteinander geschrieben, also kennen wir uns ja."

Ich mag es Nachrichten von dir zu bekommen – egal ob es einfach Kommentare auf meine Insta Story sind, Beispiele aus deinem Leben zu einer Kolumne oder einem Real Talk, Fragen zu meinen Erfahrungen oder auch einfach Kritik und Lob von dir. So gut es geht versuche ich auf jede Nachricht zu reagieren und besonders bei Fragen ausführlich und so gut ich es kann  zu antworten. Selbst wenn es sich um jemanden handelt, der (in Ermangelung einer besseren Beschreibung) einfach nur ein Idiot ist und irgendwie trollen will, versuche ich zu reagieren (außer es geht unter die Gürtellinie, dann strafe ich ohne mit der Wimper zu zucken mit Ignoranz). Oft werde ich auch durch die Interaktion für Texte inspiriert.

Wenn man so persönliche Beiträge schreibt wie ich, ehrlich und ungeschönt, wenn man nichts dabei findet, wenn Freunde oder Familienmitglieder (natürlich schon immer mit der Zustimmung von jedem) in Stories oder auf Bildern auftauchen, die einsamen Momente genauso wie die guten teilt, von Trennungen und Arschlöchern, Traumprinzen und schlechten Dates berichtet – dann fällt es Außenstehenden oft schwer zu erkennen, dass es dennoch immer nur ein Bruchteil des Lebens ist. Und das sehr wohl nicht alles geteilt wird. Meist erst später, wenn es für mich selbst nicht mehr so relevant ist, oft nur Ausschnitte und Momente, nie das große Ganze. Und oft vergessen die Menschen dann auch, dass ich im Endeffekt “eine Fremde” bin. Ich bin jemand aus dem Internet.

"Ich glaub, du brauchst einfach wieder Mal ein gscheites Date!"

Und dieser Text fühlt sich auch gerade etwas merkwürdig an – weil ich niemanden in die Schranken weisen möchte und noch weniger will ich verbieten, mit mir in Kontakt zu treten. Ich bin gerne jemand der interagiert, der Tipps gibt, Gefühle mit seinen Texten hervorruft und gemeinsam über idiotische Memes lacht. Ich erzähle gerne davon, wie ich mit schwierigen Situationen umgegangen bin, wie es bei mir mit der Selbstständigkeit läuft und was ich für richtig und falsch halte. Aber ich gehe nicht live auf Instagram während mir mein Herz gebrochen wird, ich nenne nicht meinen aktuellen Kontostand und ich gebe auch keine Anweisung, ob man den Hund kastrieren lassen soll oder nicht. Klingelts?

Versteh mich nicht falsch – ich bin gerne wie eine Freundin. Aber ich bin nicht deine Freundin. Ich kenne dich nicht persönlich, weder dein Umfeld noch deinen Alltag. Ich weiß nicht, ob du deine Beziehung beenden oder endlich umziehen oder deinen Job kündigen sollst. Und mir ist bewusst, dass das grundlegende Konzept von Influencern eigentlich genau das ist – aber genau deswegen sehe ich mich nicht als klassische Influencerin. Ich bin einfach wie ich bin und verstelle mich nicht, zeige aber nicht alles von A bis Z. Abgesehen davon, dass ich gar nicht das Wissen habe, alles zu thematisieren und zu beantworten (und es meist auch einfacher und schneller wäre, danach zu googlen).

"Wie viel bezahlst du eigentlich für deine Wohnung in Wien so?"

Ich habe jetzt generell kein riesiges Problem mit dieser Thematik – es ist nicht so, dass ich mir tagtäglich den Kopf zerbreche, wenn mir jemand blöd kommt oder über mich urteilt ohne mich wirklich zu kennen. Aber ich weiß, dass es bei anderen auch wieder anders aussieht. Und ich bekomme eben diese Nachrichten, mit diesem bestimmten Unterton, der eine Anforderung darstellt und genau hier ziehe ich die Grenze. Ich bin nichts, was man in Anspruch nehmen kann, ich schulde niemandem Details zu irgendwelchen privaten Sachen, ich bin nicht verpflichtet jemanden persönlich kennenzulernen – wenn ich das möchte, sag ich es schon.

Ich schreibe gerne ernsthafte Texte, aber auch welche mit Schmäh und einem Hauch Sarkasmus, ich zeige mit Vorliebe wie süß und gleichzeitig weird mein Hund ist. Ich spreche gute und ungute Themen aus meinem Alltag an – unverblümt und ungeschönt; und genau deswegen hab ich jetzt auch darüber geschrieben. Einfach, um der einen oder anderen Person den Spiegel der Realität vorzuhalten oder sie zum Nachdenken zu bringen, bevor sie das nächste Mal wieder eine Anforderung stellt oder Grenzen überschreitet.

Related Posts

1 Comment

  • 2 Wochen ago

    Kann dir da nur 100% zustimmen! Was mich auch sehr stört, dass dann ab und zu die Forderung kommt, gleich zu antworten. Kam bei mir nicht selten vor, dass ich nach 3 Stunden (in denen ich der Person noch nicht auf ihre Frage geantwortet hatte) gleich ein “Ok verstehe, dann antworte mir eben nicht… ” bekommen habe, wo ich dann echt nur noch mit dem Kopf schütteln kann…

    Hab übrigens vor einiger Zeit einen ähnlichen Beitrag zu dieser Thematikm geschrieben: https://www.chamy.at/2018/08/warum-ich-dir-nicht-antworte-und-auch.html

Leave A Comment