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Du bist Bloggerin, das ist doch keine Arbeit

Ich hasse Vorurteile und Schubladendenken. Schon immer eigentlich. Als (kleines, zierliches und blondes) Mädchen, wurde mir beispielsweise immer sehr viel (vor allem körperliche) Arbeit abgenommen – das dieses Helfersyndrom erst dadurch entstand, weil mein Gegenüber automatisch davon ausgegangen ist, dass ich es nicht allein oder selbst kann, hat dazu geführt, dass ich mir heute immer noch etwas schwer damit tue, Hilfe anzunehmen. Mit der Pubertät kam dann meine nicht ganz so kleine Oberweite und obwohl ich weiter nur ganz normale Tanktops getragen habe, wurde mir erklärt, dass ich mit meinem riesigen Ausschnitt doch einfach nur alle Blicke auf mich ziehen will (von meist älteren Mädels übrigens, thank you for that). Fortan hab ich nach und nach immer mehr auf weite Oberteile zurückgegriffen und nie wieder BHs mit Push-up getragen.

Glücklicherweise habe ich bei diesen Sachen aber mit dem Alter auch wieder meine „Fuck It“-Attitüde zurückerlangt (und dennoch überleg ich immer wieder mal noch zweimal, ob ich nicht zu viel Dekolleté zeige). Das sind beides klassische Beispiele, mit denen vermutlich jeder schon mal irgendwie konfrontiert wurde und es gibt ganz sicher auch weitaus schlimmere Vorurteile und viel hiervon hat auch mit dem Erste-Welt-Denken-und-Leben zu tun, vor allem aber auch das dritte Beispiel, das mich aber in den letzten Monaten viel mehr betroffen und beschäftigt hat.

„Du bist klein,
du hast doch keine Kraft.“

Es sieht nach außen hin großartig aus, wenn ich auf Reisen oder Events gehen darf und das als meine Arbeit bezeichne und ich würde die tollen Möglichkeiten nie nie nie missen wollen, die ich durch das Blogger-Dasein bekomme. Aber ich hab mir auch den A*sch dafür aufgerissen, mein Hobby zum Beruf zu machen und es ist nach wie vor sehr viel Arbeit. Natürlich gibt es wie in jeder Berufssparte auch hier schwarze Schafe: Jene, die für die negative Behaftung des Wortes Influencer verantwortlich sind, weil sie ihre Seele für jeden Cent verkaufen und dem Follower genau das geben, was er sehen und hören will, mit möglichst wenig Aufwand – die ärgern mich selbst vermutlich noch viel mehr wie Außenstehende, aber das können weder Du noch Ich ändern.

Ganz ehrlich: Ich hab keine Ahnung wie viele Stunden ich im Monat arbeite oder in der Woche, weil die Grenzen bei meinem Job auch sehr leicht mit meinem Privatleben verschwimmen. Meine Standardantwort ist, dass es vermutlich so um die 60-70 Stunden pro Woche sind, an denen ich arbeite (also nicht nur Blogbeiträge schreiben, sondern alles alles). Manchmal ist es mehr, manchmal ist es weniger – genauso wie in anderen Berufsfeldern, gibt es auch bei mir Highs & Lows in puncto Workload. Der Juli in diesem Jahr war ein absolutes High und im Nachhinein betrachtet eigentlich ganz schlimm. Alles in allem war ich 10 Tage in Wien, an denen ich aber genauso arbeiten musste. Ich stand gegen Ende kurz vor einem Heulkrampf, weil mich meine Kräfte langsam echt verlassen haben und genau dann durfte ich mir den liebsten aller ver- und vorurteilenden Sätze anhören: „Das ist doch keine Arbeit, was du da machst“.

„Du trägst kurze Kleidung,
du willst doch nur Aufmerksamkeit.“

Ich hab mal überschlagen, wie viel (ganze) freie Tage ich im Juli 2018 hatte. Die Wahrheit? Null. Ich habe jeden verdammten Tag gearbeitet. Wenn ich die Stunden, an denen ich mir zwischendurch mal mit meiner Familie und meinen Freunden etwas ‚Quality Time‘ gegönnt habe, zusammenzähle (wir sprechen hier von einem Abendessen oder After-Work-Drink), dann komme ich dabei auf ca. zwei ganze Tage. Und wenn wir jetzt dann noch die ganz banale Milchmädchenrechnung machen und davon ausgehen, dass ich im Schnitt sechs Stunden pro Nacht geschlafen habe (und die grausame Wahrheit ist, dass es meistens weniger waren) und 2-3 Stunden pro Tag für Paul und den Haushalt verwendet habe und ich dann aber noch abrunde, dann kommen wir auf rund 400 Stunden, an denen ich in diesem Monat gearbeitet habe. Und nicht jede Stunde davon war genau genommen bezahlt.

Mir läuft gerade selbst ein Schauer über den Rücken und am liebsten würde ich mein Vergangenheits-Ich schütteln und fragen, wer mir bitte ins Gehirn geschissen hat, aber dafür ist es jetzt sowieso viel zu spät. Keine Frage: Der Juli war ein absolut grenzwertiger Arbeitsmonat und dieser Monat ist nicht die Regel, vollkommen die Ausnahme und ich war gegen Schluss auch wirklich am Ende mit meinen Kräften und hätte am liebsten einem kleinen Nervenzusammenbruch nachgegeben (hab ich eventuell zwischendurch auch schon). Aber das Ding ist: Auch das ist die Realität von dem Ganzen. Die sogenannte Schattenseite, des glamourösen und idiotensicheren Jobs des Bloggers. Und jetzt stellt euch mal vor, ihr seid eh schon gefühlt am Ende und aber auch irgendwie stolz, dass ihr diesen irren Plan wirklich vollbracht habt und da kommt jemand und sagt: Dein Job besteht doch eh hauptsächlich aus Freizeit. Du warst nur ein bisschen Wandern und hast in wunderschönen Hotels geschlafen.

Ja, es stimmt: Ich war wandern und habe in tollen Hotels geschlafen. Das Eine hatte sogar einen wunderschönen Pool dabei und das Wetter war mit fast 30 Grad geradezu prädestiniert dazu, ins kühle Nass zu springen. Seht ihr die Ironie am Bildschirm runtertriefen? In der Theorie ist das eine Tatsache. Die Praxis sah aber eben so aus, dass ich nicht mal den kleinen Zehen hineinhalten konnte (und der ist wirklich klein). Stattdessen saß ich direkt nach dem kurzen Abendessen wieder im Zimmer und habe die Fotos der letzten Tage gesichtet, aussortiert und bearbeitet, habe Blogbeiträge weitergeschrieben, Emails beantwortet, zwischendurch meine Social Media Kanäle bespielt und den nächsten Tag geplant, bevor ich tot ins Bett gefallen bin. In der Schweiz habe ich zum ersten Mal meine körperlichen Grenzen ausgetestet und zwischen den Programmpunkten aber nicht geschlafen, sondern schnellstmöglich geduscht, mich fertig gemacht und bin dann wieder an den Laptop. Auf 2700m Höhe bin ich nach dem ersten Trocknen wie ein Vollpfosten mit dem Handy am Fenster gestanden, wo der Empfang am besten war, damit ich meine Stories hochladen und mein Foto posten konnte. Als es dann wirklich zu viel wurde (generell zu stehen), habe ich Fotos bearbeitet. Damit meine „Freizeit“ gut genutzt war und ich mir selbst etwas Puffer am nächsten Tag verschaffen konnte. Am „freien“ Tag mit meiner Mama in Hamburg hatte ich fast non-stop mein Handy in der Hand, weil ich Emails beantworten musste und Postings vorbereitet habe (glücklicherweise ist meine Mama großartig und straft mich deswegen nicht mit dem Mama-Blick, weil sie weiß, dass es der Job ist und nicht die Tinder-App, die mich gerade beschäftigt).

“Du bist Bloggerin,
das ist doch keine Arbeit.”

Auf jeder Wanderung, die beruflicher Natur war, wurde Equipment mitgenommen. Und egal ob es 30 Grad und Sonnenschein oder nur 15 und Regen hatte, es wurde trotzdem geshootet. Es gibt bei sowas keinen spontanen Wellness-Tag, weil das Wetter nicht mitspielt – dann wird eben versucht, das Programm so umzustellen, dass es auch bei Regen möglich ist. Und meistens ist es nicht nur ein Programmpunkt pro Tag, sondern 2-3 mit kaum Zeit dazwischen – logisch, immerhin möchte ich meinen Lesern mehr erzählen, zeigen und vorstellen können.

Im Grunde genommen ist aus dieser Kolumne jetzt ein bisschen ein ganz großer Jammerbeitrag geworden und damit aber auch das gesagt wurde: Es gibt ebenso ganz viele Menschen (vor allem regelmäßige Leser, Freunde, Familie – dickes Bussi an euch alle), die wissen, dass Blogger sein mehr ist, als nur ein Foto zu posten und nett auszuschauen. Aber es gibt eben auch immer noch jene, die das Gegenteil behaupten. Die es mir persönlich schwer machen, auf mich stolz zu sein, weil ich harte Arbeit geleistet habe. Die der Grund sind, weshalb ich auf die Frage meines Berufs immer mit einem komischen Gefühl antworte und dafür sorgen, dass ich immer schon eine Art Defensio für mich und diesen Berufsstand in Petto habe.

Im Endeffekt kann ich mich auch nur wiederholen: Es macht sehr viel Spaß, ich liebe meine Arbeit und erlebe dadurch echt aufregende und spannende Sachen und der Extremfall Juli wird sicher nicht mehr so schnell vorkommen; wäre mir das vorher richtig bewusst gewesen, hätte ich definitiv etwas abgesagt und somit wäre das Ganze viel leichter machbar gewesen. Nichtsdestotrotz: Ich habe keinen klassischen 40-Stunden-Job. Ich bin selbstständig. Ja, dadurch kann ich es mir mal rausnehmen, einen Werktag „blau“ zu machen – dann muss ich dafür aber am Wochenende wieder alles einarbeiten oder generell einfach abends länger am Laptop sitzen. Mein Job endet nicht, wenn ich das Büro verlasse. Wenn ich mich für eine (berufliche) Reise entscheide, dann kommt der Laptop immer mit und im Zug/Bus/Flugzeug wird gearbeitet, genauso wie abends und/oder morgens am Zimmer. Die Awareness kommt langsam, ja – darüber, dass auch Blogger ein richtiger Beruf und mit Arbeit verbunden ist. Dass es Zeit, Mühe und Nerven kostet und wie jede selbstständige Arbeit eine klassische 40h Woche locker überschreitet. Aber trotzdem wird es sicher noch eine ganze Weile dauern, bis das Belächeln dieser Arbeit (fast) ganz stoppt, bis die Erklärungen und Argumente, was die Arbeit an Geld wert ist und was sie auch an Stress bedeutet, nicht mehr nötig sind und solange wird es vermutlich auch dauern, bis sich mein theoretischer Stolz in der Praxis umsetzen lässt.

Und jetzt? Habe ich mich genug aufgeregt. Und eventuell damit dem Einen oder der Anderen ein bisschen die Augen geöffnet. Jetzt ist der Juli  vorbei und ich geh erstmal zu meiner besten Freundin Spritzer trinken, lasse nochmal sacken, dass ich einfach mal 400 Stunden meines Lebens in diesem Monat mit Arbeit zugetan habe und dann schlafe ich den gesamten August durch. Cheers.
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