Bin ich alleine immer noch glücklich?

6. September 2018

“Wie lange bist du denn jetzt schon Single?”

Ich lese die Frage und würde am liebsten aufstöhnen. Nicht, weil es mir weh tut darüber zu sprechen, sondern weil ich weiß, wie die Reaktion darauf sein wird. “Etwa drei Monate, warum?” tippe ich doch etwas zögerlich in das Chatfenster. Seine Antwort kommt nach wenigen Sekunden: “Ahh, verstehe”. Ich merke schon, wie sich die ersten Barrikaden in mir aufstellen. “Was verstehst du?” – wäre es möglich diesen geschrieben Satz mit einem Unterton zu versehen, wäre dieser definitiv schnippisch. “Na, wenn du erst seit kurzem wieder allein bist, suchst du halt gerade Ablenkung. Aber das ist schon ok, ich kenn das.” Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich wütend darüber sein soll, dass er mir mehr oder weniger vorgibt, was ich zu fühlen habe oder dass er automatisch von sich auf andere schließt. Normalerweise gehen solche Dinge bei mir im einen Ohr rein und direkt im anderen wieder raus, aber dieses Mal will ich das nicht auf mir sitzen lassen. Nach all den mitleidigen Blicken der letzten Zeit und den ungefragten Ratschlägen von Menschen, die meinten meine Situation bestens einschätzen zu können, habe ich in diesem Moment genug davon. Und ich fahre aus der Haut. Ich erkläre in einem viel zu langen Text, dass es mir überhaupt nicht nicht gut geht und das ich zwar allein, aber nicht einsam bin und das er keine Ahnung davon hat, wieso weshalb warum meine Trennung passiert ist. Und sowieso, wie er auf die Idee kommt, dass er sich die Freiheit nimmt, zu urteilen – besonders ohne alle Fakten zu kennen. Und auch wenn seine darauffolgende Antwort entschuldigend ist und er seine Aussage mehr oder weniger zurücknimmt und wir in der nächsten Zeit noch weiterschreiben werden, weiß ich zu diesem Zeitpunkt im Grunde genommen schon, dass das Ganze hinfällig ist – auch wenn es mir erst viel später so richtig klar werden wird.


“Wir haben uns so lange nicht mehr gesehen und jetzt sag mir, ob das eh ok ist dich darauf anzusprechen: Wie gehts dir so als Single?” Sie sagt das völlig unverblümt und ohne Hintergedanken und ich weiß, dass ich ihr auch ohne Probleme sagen könnte, wenn ich nicht darüber reden wollen würde. Aber die Wahrheit ist: Ich habe absolut kein Problem damit über das Ende meiner Beziehung zu sprechen, besonders nicht, nachdem es jetzt schon sechs Monate her ist. Dazu kommt, dass sie einer meiner liebsten Bloggerbekanntschaften ist und – auch wenn wir uns nicht so gut kennen – jemand, auf dessen Meinung ich definitiv auch was gebe. “Gut geht’s mir. Sehr gut sogar”, lächle ich und lasse mich neben ihr und ihrem Freund – die meiner Meinung nach übrigens absolutes Couple Goal sind – nieder. “Genau das wollte ich hören”, antwortet sie und in der darauffolgenden Stunde und während zwei Drinks reden wir über die Gründe und die Begebenheiten, die bei einer Trennung noch dazukommen, wenn man als Blogger sein Leben mit tausenden fremden Menschen teilt. “Ich weiß, im Endeffekt sagt das vermutlich jeder Blogger mal über seine Leser, aber wenn ich etwas gerade nach diesem Thema weiß: Ich hab wirklich die Besten. Bei mir kamen keine unangenehmen Fragen, kein Unverständnis über meine anfängliche Verschwiegenheit und selbst, als ich es endlich richtig öffentlich gemacht habe, war es ein angenehmer und echt spannender Austausch über eigene Erfahrungen und vor allem ganz viel Zuspruch”, erwidere ich. “Und zwar so sehr, dass ich sogar wirklich schon überlegt habe, das Thema nochmal anzusprechen – so nach ein paar Monaten.” “Ja aber mach das doch! Was gibt es besseres als den Leuten zu zeigen, dass es dir auch weiterhin gut geht? Dass du auch alleine gut klar kommst und wie es dir vor allem nach so einer langen Zeit in einer Beziehung als Single geht und das man keine Beziehung braucht, um sein Glück zu definieren”, antwortet sie und im Endeffekt weiß ich, dass sie recht hat. Dazu kommt, dass ich generell immer über alles schreibe was mich beschäftigt, warum also nicht auch darüber, dass es mir immer noch gut geht?

Es ist 4 Uhr morgens und ich bin etwas sehr betrunken. So betrunken, dass ich mich von Emotionen leiten lasse, nicht so betrunken, dass ich nicht mehr tippen kann. Wenn ich aber etwas gelernt habe in den letzten 27 Jahren, dann das: Wenn du was getrunken hast und das Bedürfnis, dich jemandem mitzuteilen, dann mach das bei deinen besten Freunden. Und das war nicht nur zuvor, sondern auch in just diesem Moment genau das Richtige. Denn ich muss zugeben, dass es mich jetzt gerade zum ersten Mal trifft. Es trifft mich, dass ich nach Hause kommen werde und niemand da sein wird. Zum ersten Mal, nach fast einem Jahr, fühle ich mich einsam. Und mir ist bewusst, dass gerade vor allem auch die Situation miteinspielt. Dennoch: Ich haue in dem Moment alles raus, meine Sorgen, meine Ängste, meine Beweggründe (die auf die Namen Spritzer und Bier hören) und bekomme auch prompt die Rückmeldungen, die ich so dringend gebraucht habe und die Balsam für meine geschundene Seele sind: “Einsam ist nicht gleich einsam. Manchmal darf man auch einfach traurig sein und dann muss man sich alles von der Seele reden und ganz ehrlich? Genau dafür sind solche betrunkenen Abende doch auch da. Sie halten uns dann irgendwie ein bisschen in Balance und bringen uns vor allem dazu, das rauszulassen, was uns zu lange und schwer im Kopf herumschwirrt – oft auch unterbewusst. Und irgendwann wird definitiv wieder jemand kommen, der dir den Kopf verdreht, das weiß ich definitiv. Wird zwar schwer, immerhin hat er uns als Konkurrenz, aber ich weiß das dennoch zu 100%”.

Abgesehen davon, dass wir bereits geklärt haben, wie unnötig diese Frage an Singles grundsätzlich ist, gab es doch den einen oder anderen Moment, in dem sie ein Berechtigungsdasein fand. Insbesondere natürlich dann, wenn ich mit guten Bekannten oder Freunden über das Thema gesprochen habe. Erst vor wenigen Tagen wurde mir dann bewusst, dass es jetzt tatsächlich bald ein Jahr her ist, seit ich meinen Weg mehr oder weniger alleine bestreite. Ja, ich bin immer noch allein. Und ja, ich bin immer noch glücklich damit. Natürlich gab es den einen oder anderen Tag (oder eben die betrunkene Nacht), an dem ich das gerne geändert hätte – genauso wie du in einer Beziehung ab und an Zweifel an deiner Situation hast, hast du das natürlich auch als Single. Und vermutlich oder eher ziemlich sicher, wird es auch in Zukunft solche Tage geben. Aber das ist nicht weiter schlimm. Wie wir ja wissen, ist es ok schlechte Laune zu haben und es ist auch ok, sich manchmal einsam zu fühlen.

Genau dafür gibt es Freunde, Familie
und den riesigen Becher Ben & Jerrys im Gefrierschrank.

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2 Comments

  • Feli
    1 Woche ago

    Liebe Denise,

    ich weiß nicht genau warum, aber mir hat dieser Artikel wirklich kurz die Tränen in die Augen getrieben. Es freut mich so sehr, dass du glücklich bist und ich finde es so schön, dass du nicht die Angst vor dem Alleinsein über dein Glück stellst und vor allem das mit deinen Lesern teilst, das ist so inspirierend! Danke dafür!
    Alles Liebe,
    Feli

    • 1 Woche ago

      Ich glaub, das ist eine der schönsten Rückmeldungen, die ich bisher bekommen habe! Vielen Dank Feli! :)

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