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5 Dinge, die ich in Wien gelernt habe

Als sogenanntes Dorfkind aus dem Westen Österreichs war Wien für mich größentechnisch anfangs gigantisch. Eine Großstadt, in der ich mich erstmal zurechtfinden musste. Fast 3 Jahre später ist das Neue für mich beinahe Alltag geworden, das Unerwartete wird stets (zumindest versuchsweise) mit einkalkuliert und ich wage es sogar zu behaupten, nicht mehr nur Landei zu sein. Und zwischen den beiden Bundesländern, die ich Zuhause nennen darf, liegen wahrlich Welten. Klischeehafte Welten – Unterschiede, die sich nicht verstecken lassen und auch nicht versteckt werden sollen. 5 Dinge, die Wien von Vorarlberg unterscheiden. 5 Dinge, die ich in Wien gelernt habe. 5 Dinge, die ich als Gsiberger zuerst einmal erkennen musste.

 1. Du musst nicht jeden, dem du auf der Straße begegnest, grüßen.
In Vorarlberg grüßt man sich. Auch wenn man sich nicht kennt. Morgens, mittags, abends – hin und wieder auch nachts, wobei da sogar wir Gsiberger etwas scheuer werden. Nichtsdestotrotz gehört es zum guten Ton, einander in die Augen zu sehen und ein kurzes Grüß Gott, Hoi oder Hallo entgegenzubringen. Es ist typisch für das Ländle und selbst als “Zuagreister” gewöhnt man sich schnell dran. In Wien dagegen, solltest du das möglicherweise unterlassen. Generell grüßt man hier (und vermutlich auch in allen anderen größeren Städten der Welt) auf der Straße nur Menschen, die einem auch wirklich bekannt sind. Zum einen, würdest du sonst den Tag in der Stadt durchgehend mit etwaigen Begrüßungsformeln verbringen und am Ende des Tages keine Spucke mehr über haben. Zum anderen, bist du sonst irgendwann die dezent merkwürdige Person, neben der niemand in der Ubahn sitzen will.

2. Du sitzt in den Öffis nicht neben die merkwürdige Person. Auch wenn es der einzige freie Platz ist.
Endlich. Die Bim kommt nach einer gefühlten Ewigkeit, der Sport hat mich ausgelaugt und ich muss mich unbedingt setzen. Ich stöhne bei einem genaueren Blick auf das eintrudelnde Verkehrsmittel laut auf. Die Bim ist bis auf den letzten Zentimeter voll. Aber da: Ein Lichtblick! Der hintereste Teil ist komplett leer. Nur eine Menschenseele sitzt da und sieht missmustig aus dem Fenster. Erleichtert steige ich hinten ein. Setze mich hinter besagte Person. Und dann trifft es mich. Unangenehm wäre das falsche Wort. Bei einem “ghörigen” Atemzug wird mir beinahe Übel und ich weiß plötzlich, warum alle anderen vorne sitzen & stehen. Zwei Sekunden später stehe auch ich inmitten der Menschenmenge. So sah die Situation noch zu Beginn meines Umzugs von Vorarlberg nach Wien aus. Heute weiß ich es besser. Es kann ein unfeines Lüftchen sein, ein gröhlender Betrunkener, eine nersche Dame oder auch einfach jemand sein, der dann plötzlich seine zwei Hausratten neben dir auf den Schultern trägt. Du sitzt nicht neben die dezent merkwürdige Person in den Öffis.

3. Es gibt Regeln für die Benutzung der Rolltreppe in der Ubahn.
Ein Fakt, der von Touristen (anfangs auch von mir!) belächelt wird – Rechts stehen, links gehen. So einfach und deutlich ist die Regel für die Rolltreppen unter der Erde. Und es hat einen einfachen Grund: Manche Menschen (meist Einheimische) haben es einfach eiliger aus der oder in die Ubahn zu kommen. Anfangs fand ich es unglaublich, dass besagtes Verkehrsmittel im 5-Minuten-Takt kommt. “Wozu auf die Ubahn rennen, wenn die nächste in wenigen Minuten da ist??” Tatsache ist, dieser Luxus wird irgendwann Alltag. Es dauerte nur wenige Monate, bis sich mein persönlicher WTF-Moment in ehrliches Verständnis umwandelte. 5 Minuten können manchmal die Welt und vor allem aber eine Ewigkeit bedeuten! Ich oute mich hiermit, ich renne zur Ubahn und trampel dabei auch die Rolltreppen rauf und runter. Also ganz einfach: Rechts stehen, links gehen. Fun Fact: Mach ich inzwischen übrigens auch im Ländle, rechts auf der Rolltreppe zu stehen.

4. Schnee ist der Feind. Und kann das gesamte Verkehrssystem einer Stadt lahmlegen.
Vorarlberg und der Schnee – romantisch gesehen verhalten sich diese beiden Dinge wie die Orange & das Vitamin C, sind also rein theoretisch nicht voneinander zu trennen. Auch mitunter vermutlich einer der Hauptgründe, weswegen die Gsiberger da den Dreh raushaben. Es schneit die ganze Nacht durch und du musst aber am nächsten Tag früh morgens in die Arbeit? Kein Problem, hier wird der Schnee auch mitten in der Nacht gebahnt und die Straßen geräumt – Freie Fahrt am Morgen! In Wien dagegen habe ich mich vor Schneeflocken zu fürchten gelernt. Das Grauen, welches auch als Winter bekannt ist, kann die österreichische Hauptstadt komplett lahm legen. Bim, Bus und sogar die Ubahn geben bei etwa 3 cm Neuschnee die regelmäßigen und vor allem kurzen Abstände auf und die Schneebahnen, die das gesamte Jahr scheinbar bereitstehen, werden irgendwie erst dann benutzt, wenn der Schnee zu Matsch geworden ist.

5. Du brauchst kein Auto. Und wieso machen Leute überhaupt einen Führerschein?
Einer der größeren Vorzüge von Wien ist dennoch das Öffi-System. Es gibt alles, es fährt alles, eigentlich immer und überall. Eine Utopie für jemanden wie mich, der sonst 15 Minuten mindestens zur nächsten Bushaltestelle laufen muss, wo der Bus im 30-Minuten-Takt kommt und der Begriff Nachtbus oder Nightliner ein komplettes Fremdwort ist. Das wunderbare System (über das sich aber trotzdem jeder aufregt) ist auch der Grund dafür, weswegen viele Menschen in Wien gar keinen Führerschein haben. Oder noch schlimmer: Sie haben zwar einen Führerschein, möchten aber generell nicht Auto fahren. Ein Schock für mich. Wobei man dazu sagen muss: Nicht überlegen zu müssen, wie man irgendwo hinkommt oder wann man genau aus dem Haus geht, ist tatsächlich beinahe eine kleine Utopie.

 

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