Wie es ist, als Dorfkind aufzuwachsen

Es ist längst nichts Neues mehr, dass ich im Herzen ein Landei bin und immer sein werde. Und es ist generell auch oft genug Gesprächsstoff – vor allem mit diesen ganzen Stadtkindern in meinem Leben, die es immer wieder faszinierend finden, welche Bräuche und Traditionen ich mitbringe oder welche von ihnen ich schlicht und einfach nicht kenne. Ein besonderer Faktor ist es natürlich, dass ich nicht von irgendwo am Land komme, sondern von einem winzigen Nicht-einmal-2000-Seelen-Dorf in Vorarlberg, das westlichste Bundesland mit all seinen Mythen und merkwürdigen Dialekten, die sonst keiner versteht.

Am Land bzw. im Ländle aufzuwachsen ist großartig! Zumindest, bis die Hormone einsetzen und man sich in einen wilden und möchtegern-unabhängigen Teenager verwandelt – in dieser Zeit graust einen das Landleben etwas und beide Elternteile werden mit Vorwürfen über die schreckliche Wohnsituation aka. „am Arsch der Welt“ zugemüllt, aber Gott sei Dank gehören diese Jahre irgendwann auch wieder der Vergangenheit an. Und im Großen und Ganzen ist das Leben am Land ziemlich fancy und für kein Geld der Welt würde ich meine Dorfkind-Erlebnisse gegen die eines Wiener Stadtkinds tauschen wollen. Inzwischen schätze ich sogar diesen kleinen Flecken Erde direkt am Bodensee ganz besonders und bin froh, dass meine Eltern sich gegen die „Großstadt“ Dornbirn und für eine kleine, feine Gemeinde entschieden haben.

Stimmt: Starbucks, schnelles Internet und die Ubahn kannte ich lange Zeit nur aus dem TV und ich brauchte den einen oder anderen Moment, um mich in Wien zurecht zu finden, aber grundsätzlich kann kein noch so leiwander Coffee-to-go-Moment einer richtigen Kuhmilch-vom-Nachbarn-Kindheit das Wasser reichen – sorry. Weil gewisse Dinge im Leben, lernst und kennst du einfach nur als Dorfkind.

Du hast all die Milliarden Sterne am Himmel gesehen
Kein Scherz. Bisher war kein Nachthimmel so schön wie der in meinem Heimatdorf – das musste sogar Mister T bei seinem ersten Besuch zugeben und war ganz schön fasziniert, wie anders das Himmelszelt aussehen kann. Und das obwohl er nur 20 km weiter aufgewachsen ist.

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Vom surrenden Stromzaun bis hin zur Teufelsbrut Hagebutte
Es ist eine der Mutproben am Land: Den Stromzaun des Nachbar-Bauern zu berühren, obwohl man weiß, das er geladen ist. Und wenn du noch nie mit Hagebutten gekämpft hast, weißt du nicht was Juckreiz bedeutet.

Du stehst unter Beobachtung
Uff, das ist vor allem in der Teenager-Zeit sehr, sehr mühsam – weil deine Eltern einfach alles wissen und überall Augen und Ohren haben. Zu schnell mit dem Moped unterwegs, das doch eigentlich sowieso nur 45 km/h fahren dürfte? Das Dorffest erst um 3 verlassen, obwohl Mitternacht ausgemacht ist? Hier bist du nie inkognito unterwegs, gehst aber auch nicht so leicht verloren.

Bekannt wie ein grauer Hund
„Und von wo bist du aus Vorarlberg?“ – „Aus einem ganz kleinen Dorf direkt am Bodensee, ziemlich unbekannt.“ – „Ah ja? Welches denn? Ich war schon so oft in Bregenz, das kenne ich bestimmt!“ – „Gaißau. Das liegt eh im Bezirk Bregenz!“ – „Oh, schön!“ – „Du kennst es?“ – „mhh, ne.“ … So und nicht viel anders laufen meistens Gespräche mit den alten Vorarlberger-Experten aus der restlichen Welt ab, die unbedingt wissen wollen, wo ich meine Wurzeln habe. Das Witzige dabei ist: Nicht mal alle Vorarlberger wissen, wo mein Dorf liegt. Dabei gibt es nur eine Straße, die dorthin führt (was wiederum zum Vorteil hat, dass man sich eigentlich gar nicht verfahren kann).

Frischekick vom Nachbarn
Seit ich denken kann, kauft meine Mama diverse Lebensmittel direkt bei uns im Dorf ein – egal ob Eier, Käse, Fisch, Gemüse oder Obst. Rein theoretisch könntest du hier überleben, ohne die Gemeinde verlassen zu müssen. Bei einer möglichen Zombie Apokalypse gar nicht so schlecht.

Do it Yourself
Du erfindest nicht nur irgendwelche Mutproben und Kriegsspiele, sondern spielst tatsächlich in und mit der Natur. Wenn ihr wüsstet, wieviel Froschlaich und Kaulquappen ich als Kind schon untersucht habe – ich könnte vermutlich Tierarzt werden (bzw. habe ich dadurch entdeckt, dass ich es nicht sein möchte).

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Endlose Weiten
Wenn ich aus dem Fenster unseres Hauses schaue, sehe ich hauptsächlich grün. Wiese, Wald, noch mehr Wiese, Berge und dann noch ein (hoffentlich) strahlend blauer Himmel. So etwas gibt es in Wien nicht, egal welchen Hügel du erklimmst. Natürlich, diese Weiten gehen auch Hand in Hand mit endlos langen Heimwegen, aber spätestens mit dem Moped-Führerschein ist das nicht mehr ganz so schlimm. Außerdem hast du in der täglichen 50-minütigen Busfahrt in die Schule die Zeit, deine Hausaufgaben abzuschreiben zu machen.

Ich könnte noch tausendundeins mehr Gründe aufzählen, warum es der Hammer ist, ein Dorfkind zu sein und ich glaub der absolute Überhammer ist es nur dann, wenn du als Dorfkind in die Großstadt abwanderst, weil du spätestens zu diesem Zeitpunkt mit wirklich allen Wassern gewaschen bist (HA!). Oder was meint ihr? Landei oder Stadtkind?

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6 comments

  1. Ich unterschreibe dir diesen Beitrag gerne. :D Man weiß das Ländle erst richtig zu schätzen, wenn man auf all die schönen Dinge zurückblickt, die man in einer Stadt nie erlebt hätte. Wildnisexpeditionen im angrenzenden Wald, eine Radtour nach der anderen durch das Dorf und spätestens, wenn der Nachbarsjunge in den zugefrorenen Bach fällt, weil es eine Mutprobe war, ist man wieder in seiner Kindheit angekommen.

    Ein unglaublich toller Post. :)

    Liebste Grüße, Kat

  2. Haha oh my god so relatable! Ich bin auch am „Dorf“ aufgewachsen. Wobei… kann man Nähe Villach dann noch als Dorf bezeichnen? Naja Großstadt war’s halt einfach nicht. Und ich kann wirklich alles so unterschreiben. Zusätzlich wäre dann noch zu erwähnen, dass man als Landei weiß welche Pflanzen man essen kann, welche lieber nicht. Stichwort: Sauerampfer und Klee!

    Love, Kerstin
    http://www.missgetaway.com/

  3. Wundervoller Artikel. Ich wäre gerne auf dem Land aufgewachsen, aber ich verstehe dieses „am Arsch der Welt“ aus Teenie Zeiten. Das war bestimmt ziemlich uncool! Auch jetzt ziehe ich die Stadt dem Land vor … mal schauen, wie lange noch :D

    Liebe Grüße aus Berlin,
    Hella von http://www.advance-your-style.de

  4. Ich kann dir nur Recht geben! Ich wuchs auch in einem Dorf auf, hab mich zwar nie darüber geärgert aber es wirklich geschätzt auch nicht . Jetzt, wo ich seit 2 Monaten in der spanischen Stadt Toledo lebe, kann ich nur sagen, wie unglaublich toll es ist, am Land zu leben und grüne Landschaften vor der Haustüre zu finden.
    Lg Lisa

  5. Ich bin mit Leib und Seele Stadtkind, obwohl (oder gerade weil?) ich als Kind gezwungen war, ein paar Jahre in einem Dorf zu verbringen. Als ich ein paar Tage im Dorf verbracht hatte, wusste ich schon, wie sehr ich die Stadt liebe – dort stinkt’s zwar nach Abgasen und Obdachlosenpisse, aber der Geruch ist mir lieber als der von Kuhställen, die dort überall waren. Außerdem habe ich die Leute nicht verstanden, auch nach zwei Jahren nicht^^ Wie sehr ich Stadtkind bin, habe ich am Sonntag gemerkt, als meine Mum und ich wandern gingen und den Weg auf die Alm mit GPS suchen mussten :D
    So nett es auch sein mag, jeden zu kennen, für eine Fettnäpfchentreterin wie mich ist die Anonymität der Großstadt unschlagbar :D Außerdem habe ich als Heuschnupfengeplagte eine ausgeprägte Abneigung gegen alles, was grün und grasig ist :D Aber manchmal ist es dann auch wieder nett, ein bisschen raus aus der Stadt zu fahren :)
    Schöner Beitrag :)

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