When we met

Es war der vierte Becher Kaffee, den ich mir an diesem Tag holen wollte und die Uhr zeigte bereits nach 19:00 Uhr an. Durch die spätere Stunde war der Coffeeshop an der Ecke wie leer gefegt, ich war mir anfangs nicht einmal sicher, ob er überhaupt noch geöffnet hatte. Normalerweise war ich hier eher nachmittags anzutreffen, aber heute war einer dieser Tage, an dem alles nicht normal war. Mit Erleichterung erkannte ich, dass der Laden noch ein paar Minuten geöffnet hatte – ich zog an der verglasten Eingangstür und trat ein. Mein Blick schweifte wahllos durch das kleine Café – von den Barhocker-Plätzen direkt an der Glasfront, über die zwei kleineren und einzigen Tische an der Wand gegenüber davon. Trotz des großen Schaufensters und der gläsernen Tür war das Licht stets schummrig hier drinnen, die Atmosphäre immer dieselbe – leuchtend und angenehm und irgendwie geheimnisvoll. Die Dunkelheit der anfänglichen Nacht unterstrich das Ambiente nochmal auf besondere Art und Weise.

Ich musste einen ungünstigen Zeitpunkt erwischt haben, hinter dem hölzernen, alten Tresen war niemand zu sehen. Dabei war mir heute eindeutig nicht nach Warten zumute – war mir eigentlich nie. Drei, vier, fünf Minuten vergingen. Um der Ungeduld und Langeweile entgegenzuwirken, nahm ich mein Handy aus der Tasche und scrollte durch die sozialen Netzwerke dieser Welt. Eine gefühlte Ewigkeit später wurde die Tür zum Hinterzimmer geräuschvoll geöffnet, ich griff nach dem Kleingeld in der Seitentasche meines Parkas und gab ohne von dem kleinen Bildschirm aufzusehen meine Bestellung bekannt. „Einen großen Cappuccino zum Mitnehmen“, sagte ich monoton. Als mir nach ein paar Minuten aus dem Augenwinkel auffiel, dass auf der anderen Seite des Tresens nichts passierte, hob ich verwundert den Kopf.

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Ich hatte ihn bisher noch nie hier gesehen. Er war ungefähr in meinem Alter – vielleicht zwei, drei Jahre älter. Seine kurzen Haare standen in alle Richtungen ab und waren so dunkel wie seine Augen, die mich in diesem Moment herausfordernd ansahen. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und schwieg mich ungeniert an. Als Antwort zog ich unwillkürlich meine linke Augenbraue hoch. „Cappuccino zum Mitnehmen“, wiederholte ich etwas lauter und langsamer als zuvor. Keine Reaktion – im Gegenteil, nun zog er seine Augenbrauen ungläubig hoch und legte damit seine Stirn in Falten. Es schien, als würde er sich ein Lächeln verkneifen. Ich war mir sicher, dass er mich verstanden hatte. Außer uns beiden war keine Menschenseele da, also entschied ich mich für die einzig richtige Maßnahme in diesem Moment – ich starrte schweigend zurück. Eine Minute verging, dann zwei und drei. Plötzlich unterbrach er den Blickkontakt zwischen uns und lachte vergnügt auf. Es war irgendwie absurd. Diese ganze Situation war verrückt, alles was ich wollte war einfach nur eine Portion Koffein. Ich blinzelte und wusste nicht, ob ich wütend sein oder darüber lachen sollte.

„Wie heißt das Zauberwort?“, schmunzelte er und brach damit das merkwürdige Schweigen seinerseits. Er wollte wohl interessant und verspielt wirken, ich dagegen schüttelte ungläubig den Kopf. „Was?“ „Du weißt schon, das Zauberwort. 5 Buchstaben, 1 Wort und der Cappuccino gehört dir“, grinste er mich frech an. Das war mir eindeutig zu anstrengend, zu anstrengend für einen Coffee-to-go und zu viel Aufwand, den ich eigentlich für wichtigere Dinge aufbringen musste.
„Ich habe echt keine Zeit für sowas.“
„Kein Zauberwort, kein Kaffee – tut mir leid, Hausregel.“

Er grinste süffisant, ich sah in ungläubig an – und tat meiner Meinung nach das einzig zweite Richtige an diesem Tag: Ohne ein weiteres Wort machte ich auf dem Absatz kehrt und marschierte schnurstracks zur Tür hinaus, in die kalte Abendluft. Noch bevor die Tür hinter mir richtig ins Schloss gefallen war, hörte ich wie sie aufgehalten wurde: „He, warte mal!“

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Es ist keine richtige Geschichte, aber auch nicht Nichts. Es ist kein Auszug aus dem, was ich gerade schreibe – aber hin und wieder spuken mir diese einzelnen Szenen im Kopf herum. Fragmente, die mich so lange nerven, bis ich sie niederschreibe. Nur um mich dann noch mehr zu nerven, weil sie auf Papier nicht so klingen, wie sie es in Gedanken tun. Nichtsdestotrotz müssen sie raus, wollen erzählt werden und machen sich so lange breit, bis sie zu Ende erzählt werden.

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11 Comments

  • 2 Jahren ago

    Einen wunderschönen Sonntag Abend.
    Ich bin ja ganz begeistert von dieser kleinen Geschichte, denn der Kaffeemann ist mir überaus sympathisch. Wahrscheinlich hätte ich genauso reagiert :-)

    viele liebe Grüße
    Rebecca

  • nicole
    2 Jahren ago

    tja ein bitte ist nie zu viel – finde ich gut was er gemacht hat :)

  • 2 Jahren ago

    Ein sehr schöner Start in eine Geschichte, die man kurz vor’m Einschlafen etwas weiterdenken kann. Gefällt mir.

    Solche kurzen Sequenzen gehen mir im Alltag ziemlich häufig durch den Kopf. Die haben keinen richtigen Anfang und auch kein Ende, aber losgerissene Situationen, bei denen ich manchmal bereue, sie nicht sofort aufzuschreiben. Gerade, wenn ich unterwegs bin. Dialoge, etc. sind einfach viel zu schnell wieder aus dem Sinn.

    Ich bin auf jeden Fall schon gespannt auf dein Buch.

    Liebe Grüße
    Isabella

    • 2 Jahren ago

      Genau, so geht es mir auch :)
      Danke!

  • Nina
    2 Jahren ago

    Du bist spitze!!! Diese „kurze Geschichte“ hat mich trotzdem irgendwie mitgerissen. So blöd das jetzt klingen mag. Aber selbst diese banale Story hast du so unheimlich gut geschrieben. Man kann sich das Zusammentreffen und das Café bildlich vorstellen – da du alles so treffend formulierst.

    Klar, verstehe ich den Typen auch – ich wiederum sagt wahrscheinlich öfter „bitte“ als notwendig. Aber irgendwie verstehe ich dich auch. Wenn man einfach nur einen Kaffee (oder sonst was) haben möchte und auf Spielereien keine Lust hat.

    Ich weiß eines definitiv, dein Buch muss ich haben.

    Ganz herzliche Grüße
    Nina

    • 2 Jahren ago

      Vielen lieben Dank Nina! Das bedeutet mir echt viel :)

      Aber ich sag immer brav bitte :D Ist ja eien fiktive Szene – wobei ich sie absolut verstehe, wer hat Abends schon Lust auf so doofe Spielereien? ^^

  • Nerique
    2 Jahren ago

    Eine wirklich tolle Geschichte. Du schreibst toll.

    Nerique

  • Susanne
    1 Jahr ago

    Na dann hoffe ich mal stark, dass es davon mehr geben wird!! :)
    Nicht aufgeben! Ich hab auch mal angefangen, weil mir die Story im Kopf herumgepoltert ist, aber ich stecke jetzt (auch wegen dem Studium) schon seit einem Jahr… :( der kreative Prozess ist eben unberechenbar! :D
    Vielleicht schaffe ich es ja! :) Wenn ich deine Texte so lese, dann bekomme ich wieder selbst stark Lust zu schreiben…zu blöd, dass ich zuerst meine Diplomarbeit schreiben sollte!!-.-

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