The first time

firsttime1

Es ist 06:00 Uhr morgens. Ich sitze am Flughafen, der für diese Uhrzeit schon gut gefüllt ist. Familien, Paare, Freunde – fliegen gemeinsam in den Urlaub, starten in ein kleines Abenteuer. Und dazwischen ich, wartend darauf, dass ich endlich das Flugzeug nach Hause betreten kann. Und dann trifft es mich: Es ist tatsächlich das allererste Mal, dass ich komplett allein fliege. Kein Freund, keine Familie oder Arbeitskollegen begleiten mich. Und ich komme nicht umhin, zu schmunzeln. Fühlt es sich doch irgendwie an, als ob ich dadurch erwachsener geworden bin. Irgendwie, zumindest. Ein bisschen, aber noch Welten entfernt davon.


Erwachsen werden, Verantworung übernehmen, sein Leben selbst in die Hand nehmen und regeln. Ein Prozess, der mich heute noch zum Staunen bringt – bin ich meiner Meinung nach auch noch Welten entfernt von seinem Ende. Ja, ich übernehme bereits Verantwortung und ja, ich kümmere mich (meist mehr und ab und an auch weniger) erfolgreich um mich selbst. Und dennoch gibt es diese Momente, in denen das Kind, das immer noch tief in mir schlummert, sich drängend zum Vorschein bringen möchte. Diese Momente, wo du am liebsten alles stehen und fallen lassen und dich offiziell schreiend im Kreis drehen willst. Wo nichts nach Plan verläuft und dir das Leben Zitronen in den verschiedensten Größen und mit voller Wucht an den Kopf wirft.


Ein Blick auf dir Uhr, und ich werde langsam nervös. Langsam. Innerlich gebe ich mir selbst ein Limit, eine Frist zum Durchdrehen. Die Zeit sagt mir, dass in exakt 60 Minuten mein Flieger von Zürich nach Wien startet. Was an und für sich ausreicht, immerhin dauert die Fahrt zum Flughafen keine 10 Minuten mehr und ich habe bereits eingecheckt und fliege ohne großes Gepäck. Genug Zeit also, um vom Auto über den Sicherheitscheck hin zu meinem Gate zu kommen. Eigentlich. Aber wir stehen gerade in einer 20 Kilometer langen Kolone auf der Autobahn und seit 30 Minuten bewegen wir uns keinen Zentimeter mehr nach vorne. Innerlich versuche ich entspannt zu bleiben. Es geht bestimmt gleich weiter. Ein Mantra, dass ich mir auch noch fast eine Halbe Stunde später gedanklich versuche einzureden. Ohne Erfolg. Sichtlich gestresst beginne ich zu telefonieren – wir befinden uns in der Schweiz, mein Alleskönner von Iphone bringt mir keine wissenswerten Infos zu meinem Flug.  Mein Mantra hat sich inzwischen zu „Der Flug hat sicher Verspätung. Er hat immer Verspätung.“ geändert und ich versuche mir sicher zu sein, dass das Boarding gerade nicht gestartet hat. Nach dem Telefonat weiß ich: Fortuna ist heute nicht auf meiner Seite. Keine Verspätung wird angezeigt, eine Bewegung auf der Straße ist auch nicht in Sicht. Um 18:55 blicke ich in den Himmel und warte geradezu darauf, dass sich mein Flieger über mir auf den Weg nach Wien macht und mich voller Häme zurücklässt. Ich verfluche den Lkw, der sein Öl im Tunnel verloren hat. Ich verfluche die Schweizer Infrastruktur, dass es keinerlei ersichtliche Möglichkeit gab, den Stau irgendwie zu umfahren und ich verfluche mich selbst, weil ich meine Mama gebeten habe, mich mit dem Auto zum Flughafen zu bringen, statt den Zug zu nehmen. Ich verfluche die ganze Welt und das Universum und vor lauter Wut darüber, steigen mir kurz Tränen in die Augen. Ich bin die Rückfahrt über still – zum einen, wegen der unangebrachten Eigenart meiner Wuttränen, zum anderen, weil mir gerade klar wird, dass ich wieder ein erstes Mal hatte. Auch wenn es nicht angenehm war und überraschend unerwartet. Ich habe meinen Flieger verpasst. Ich brülle – kurz und nicht ganz so entrüstet und laut wie ich es gerne würde – aber genug, um meinem Ärger nochmal Luft zu machen. Ein letztes Mal, bevor ich mir mit aller Kraft versuche mein letztes Mantra an diesem Tag zu verinnerlichen: „Mach das Beste daraus.“


Egal welche Art von Zitronen der Alltag für uns bereit hält, entscheidend ist meistens der Umgang damit. Ich saß 5 Stunden lang im Auto, nur um am Ende abends wieder in meinem Elternhaus zu sitzen und kurzfristig Termine in Wien für die nächsten zwei Tage absagen zu müssen und alles umzukoordinieren. Meine Liebsten haben mir erlaubt meinen Dampf bei ihnen abzulassen, meine Mama nahm es zusätzlich mit Humor und ich selbst ertränkte die gestressten Nerven in Schokolade und Eiscreme. Im Nachhinein betrachtet war es alles andere als schlimm, es hatte sogar noch den einen oder anderen postiven Effekt – auch wenn es währenddessen unangenehm war. Und eine sinnlose Autofahrt beinhaltete. Und mein Augenlid vermutlich für eine halbe Stunde lang gestresst gezuckt hat. Und dennoch: Ich bin um eine Erfahrung reicher.


Um 02:00 Uhr morgens falle ich erschöpft ins Bett – in Vorarlberg. Es hat immer noch über 20 Grad Celsius und in Gedanken liege ich morgen bereits im heimischen Garten und arbeite dort meine Emails ab, gehe zwischendurch ins kühle Nass und genieße die Natur um mich herum. In Wien wäre es stattdessen die kühle, dunkle Wohnung gewesen. Ich hätte mein Abendessen alleine schnell-schnell gekocht und verschlungen und hätte mich vor dem Schlafen gehen noch dem Haushalt widmen müssen. Und mit einem Mal wird mir klar: Ich beginne gerade, das Glück im Unglück zu erkennen. Ich habe offiziell aus der Zitrone Limonade gemacht, mit einer kleinen Beule an der Stirn, aber grundsätzlich ohne größere Blessuren. Und ich komme wieder nicht umhin zu schmunzeln. Denn in der geschützten Dunkelheit meines alten Kinderzimmers wird mir klar: Möglicherweise, bin ich dem Erwachsen sein bereits viel näher als gedacht.

firsttime2

Related Posts

1 Comment

  • 2 Jahren ago

    Was für ein wunderschöner Post <3 Konnte mich sehr gut damit identifizieren :)

    Hab Deinen Blog gerade entdeckt und er gefällt so gut, folge Dir jetzt :)

    LG Kia
    Take a look at my global lifestyle blog

Leave A Comment