Die Zuflucht in Geschichten

„Es tut mir wirklich leid, aber.. ich empfinde einfach nicht mehr für dich, außer Freundschaft. Ich mag dich wirklich, wirklich sehr gern – aber eben nur als Kumpel..“ Ich lese seine Nachricht wieder und wieder und ich spüre den Riss in meinem Herzen, den Klumpen im Hals und das Zittern in den Fingern. Kurz überkommt mich das Bedürfnis, das Handy in meinen Händen gegen die Wand zu schmeißen, zu schreien und zu stampfen und mir all den Kummer von der Seele zu reißen – aber ich zögere, will nicht, dass meine Familie mitbekommt, was los ist. Ich will kein Mitleid und keine unangenehmen Fragen. Und in diesem Moment höre ich das Brechen meines Herzens, weil es so laut ist. So unglaublich schmerzhaft. Ich lege mich wieder auf mein Bett, denselben Fleck wie kurz zuvor, bevor die unheilvolle Nachricht meine Beschäftigung unterbrochen hatte. Bevor meine Welt in tausend Teile zersprungen ist und bevor sich alles so leer und trist angefühlt hat. Ich starre an die Decke, lese die Nachricht nochmal. Ich lese sie wieder und wieder und ich kann einfach nicht mehr. Und dann kommen die Tränen, lautlos und unaufhörlich und es fühlt sich an, als würde ich nie mehr etwas anderes empfinden können, als diesen unaufhaltsamen Schmerz. 

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Im Endeffekt könnte man sagen, dass ich ein typischer Teenager war. Von der klassischen Fraktion „Meine-Eltern-haben-keine-Ahnung-vom-Leben“, „Wie-soll-ich-je-wieder-glücklich-werden-ohne-ihn“ und – nicht zu vergessen – „Die-Welt-versteht-mich-und-meinen-Kummer-einfach-nicht“. Puberty at it’s best und ich kann euch sagen, mancher Schmerz hat mein 14-jähriges-Ich so unglaublich getroffen, dass ich ihn noch heute (wie oben) beschreiben und benennen kann. Und es gab auch diese Zeiten, in denen ich sehr in mich gekehrt war. Wo nicht mal meine besten Freundinnen wussten, was ich gerade machte und wie es mir ging, weil ich in den Sommerferien in diesem einen Jahr einfach das Telefon abgedreht und mich in meinem kleinen Zimmer verkrochen hatte. Ein leicht depressiver Jugendlicher, der große Nabel seiner eigenen kleinen Welt mit diesem riesigen Spektrum an neuen und unerklärlichen Gefühlen, mit denen ich (wie fast jeder andere) irgendwie nicht ganz so klar kam oder auch nicht klar kommen wollte.

Das Leben als Teenager ist hart und es war ein dunkler Schatten, der sich in diesem Jahr aus dem Nichts über mich gelegt hatte und niemand konnte sich mein Verhalten erklären – am wenigsten ich selbst. Ich saß bei sommerlichen 30 Grad Außentemperatur in meinem abgedunkelten Zimmer, Billy Talent und Evanescence dröhnten aus meinem CD-Player in Dauerschleife und ich kritzelte melancholisch mein Notizbuch voll – mit seinem Namen, meinem Namen, weinenden Augen und zu Tode betrübten Gedichten (wenn man diese Zweizeiler überhaupt als Gedichte bezeichnen konnte). Kurz gesagt: Ich war ein Häufchen Elend. Und ich zog mich immer weiter und weiter zurück und verbrachte neun Wochen großteils nur in meinen vier sonnengelben Wänden. Es gab aber dennoch eine Konstante. Eine Leidenschaft, die ich auch zu diesem Zeitpunkt nicht ablegen wollte und konnte. Ich habe 24/7 gelesen. Die ganze Nacht und den halben Tag. Kämpfe gefochten, die sich wie meine anfühlten. Tränen vergossen aus einem anderen Schmerz als meinem heraus und unmögliche Rätsel gelöst und fantastische Abenteuer erlebt. Es war Ablenkung und Balsam für meine geschundene junge (und naive) Seele.

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Mein Blick streift über das Bücherregal direkt vor mir, das voll von Geschichten ist, die ich eigentlich alle in- und auswendig kenne. Es stehen Romane darin, die mich seit über 10 Jahren begleiten – mit denen ich auf- und mitgewachsen bin und ich spüre, wie sich bei dem Gedanken zurück ein Lächeln auf meine Lippen legt. „Eine letzte Frage noch Denise..“, tönt es aus dem Telefon, dass ich dicht an mein Ohr gedrückt halte. „Warum schreibst du ein Jugendbuch? Wieso genau diese Sparte?“ Ich denke kurz nach. Denke zurück an den Sommer, an diese meist wunderschönen und immer wieder auch grauenhaften Teenagerjahre und sehe mich selbst in diesem Zimmer, auf meinem Bett. Und ich sehe die Bücher, die überall verteilt darauf liegen. „Ich glaube, unsere Jugend prägt unseren Charakter mitunter am meisten und ich weiß definitiv, dass ich von eben jenen Geschichten, die mich in dieser Zeit begleitet haben, extrem beeinflusst wurde. Es war Zuflucht und Unterhaltung in einem. Und es ist diese Vorstellung, die mich so fasziniert und bewegt, eines Tages vielleicht genau diese Geschichte geschrieben zu haben, die einen jungen Menschen nicht nur begleitet, sondern vor allem auch prägt und Zuflucht gewährt.“

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11 Comments

  • 2 Jahren ago

    Du kannst so toll schreiben. Ich bin ganz fasziniert. Und auch ein bisschen neidisch. ;) Mein Buch leidet gerade, wieder einmal, unter Kritik an meinem Ausdruck und blabla. Aber auf deines freue ich mich jetzt schon wie eine Schneekönigin. Macht immer wieder Spaß, deine Texte zu lesen. :)

    Ganz liebe Grüße, Kathrin

    • 2 Jahren ago

      Vielen lieben Dank für das Kompliment!
      Und ich kenn das auch sehr gut – ich bin meine größte Kritikerin und muss mich immer zwingen, nicht alles x-mal zu bearbeiten und zu verwerfen.. Dabei ist es gar nicht so schlecht wie ich mir immer denke :D Einfach weniger kritisch sein, oder Betaleser entscheiden lassen und nur das überarbeiten, was sie sagen :)

  • 2 Jahren ago

    Ok ich liebe dich gerade! So ein unheimlich schöner Post in dem ich mich beim Lesen wahrscheinlich viel zu oft wieder entdeckt habe.

    Und duh, ich freue mich schon so auf dein Buch! Bin so gespannt und glaube das wird ganz ganz toll!

    Love, Kerstin
    http://www.missgetaway.com/

    • 2 Jahren ago

      haha, nur gerade? ;) Ne Spaß :D Danke danke danke meine Liebe – freut mich extrem :) Ich hoffe ich erfülle die Erwartungen dann auch haha :D

  • Isabella
    2 Jahren ago

    Ein ganz wunderbarer Text, vielen Dank dafür! Das beschreibt auch so ziemlich genau meine Beziehung zu Büchern – gerade im Teenageralter. Neben dem Lesen war auch das selber Schreiben immer eine Fluchtmöglichkeit für mich, ich hab‘ damit viel verarbeitet bzw. tu das immer noch. Dir ging es da bestimmt ähnlich.

    Ich bin auch schon sehr gespannt auf dein Buch und wünsche dir viel Erfolg beim Schreiben :)

    Alles Liebe, Isabella

  • Susanne
    2 Jahren ago

    Ich schreibe auch so gern, und es ist so toll wenn man Menschen und Autoren findet, die Worte gleich lieben und schätzen! Einfach zauberhaft deine Texte! :)
    Ganz liebe Grüße, Susanne

  • nina
    2 Jahren ago

    Ich kann den anderen nur zustimmen – du schreibst unheimlich gut.
    Und auch ich gebe zu, dass ich mich schon auf dein Buch freue.
    Es ist bestimmt etwas ganz anderes, wenn man einen „Bezug“ zur Schreiberin hat.
    Außerdem weiß ich jetzt schon, dass es mir gefallen wird, da ich auch deinen Blog (die Texte) liebe.
    Mach bitte bitte bitte unbedingt so weiter :) Ich drück dir auf alle Fälle die Daumen und werde weiterhin deine Seite besuchen und mich über jeden einzelnen Beitrag freuen.
    Liebe Grüße
    Nina

  • 2 Jahren ago

    Hallo Denis, ich bin immer wieder fasziniert von deinen Geschichten. Deine Worte, Sätze, Geschichten berühen mich, fesseln mich. Warum? Weil ich soviele Dinge nachvollziehen kann und oftmals schon ähnliche Gedanken hatte. Bitte weiterso und ich bin auch schon gespannt auf dein Buch. Freue mich, dass du mir ebenso auf Instagram folgst. Liebe Grüße nach Wien bzw Vbg. Lg Doris

  • Kristina
    11 Monaten ago

    Das hat mich gerade zu Tränen gerührt! Das ist ein tolles Projekt und ich werde dein Buch auf jeden Fall lesen, auch wenn ich inzwischen schon „erwachsen“ bin ????

  • Mona
    5 Monaten ago

    Das war ein so wunderschön bewegender Text, der mich in meine eigenen Teenager Jahre zurückversetzt hat. Ich hab richtig Gänsehaut bekommen! <3

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