Die perfekte Tochter

Es ist bereits kurz vor Mittag, als ich mich aus meinem gemütlichen Bett schäle und nach einem kurzen Besuch im Bad endlich die Treppen ins Erdgeschoss meines Elternhauses anvisiere. Auch wenn ich schon seit einiger Zeit wach bin, wollte ich die Geborgenheit meines ehemaligen Kinderzimmers einfach noch nicht hergeben. Obwohl wir erst Mai haben, ist es seit Tagen richtig warm, fast schon sommerlich und aus diesem Grund wundert es mich nicht, dass im unteren Stockwerk alle Fenster und Türen weit aufgerissen sind und ich das idyllische Zwitschern der Vögel problemlos wahrnehmen kann. Bis auf mich ist das Haus scheinbar leer; ich muss nicht lange überlegen, wo meine Eltern sich versteckt haben – das aktuelle Gartenprojekt hat sie fest im Griff. Gerade wird scheinbar über die endgültige Umlaufbahn der neuesten Errungenschaft, dem Rasenmäher-Roboter, gefachsimpelt. Ich schnaube vergnügt, schnappe mir meinen Laptop und platziere mich an unserem großen Tisch mit Blick auf das elterliche Gärtner-Duo. Zwischendurch nehme ich immer wieder mal Fetzen ihres Gesprächs war, neben dem Garten geht es noch um allerlei anderer Dinge aus ihrem Alltag und irgendwann komme auch ich ins Spiel, nachdem sie entdeckt haben, dass ich mich unter die Lebenden gemischt habe und – wie so oft – vor meinem Laptop sitze. Ich blicke auf und beobachte sie für eine Weile. Beobachte meine Mama wie sie ihrem grünen Daumen alle Ehre macht und immer wieder auch ihr Smartphone auf neue Nachrichten und Emails checkt, wie sie über meinen Dad lacht und sich nicht mehr einkriegt, weil sie (vermutlich) einen Witz auf seine Kosten gemacht hat.

Obwohl wir uns verdammt ähnlich sehen (vor allem in Kindestagen) und einen nicht sehr weit voneinander entfernten Geschmack haben, trennen meine Mama und mich manchmal Welten. Sie hat den ultimativen grünen Daumen, meiner ist so schwarz, dass nicht mal ein Kaktus in meiner Wohnung überlebt. Sie sieht sich ohne mit der Wimper zu zucken die grausamsten Slasher- und Horrorfilme an und ich mache mir schon beim Vorspann von Scary Movie in die Hosen. Ich liebe Autos, die Geschwindigkeit – Mama wird heute noch am Beifahrersitz nervös, wenn ich etwas auf’s Gas drücke. Und apropos Geschwindigkeit: Für eine Fahrt mit der Achterbahn bin ich immer zu haben, sie eher nicht so richtig. Mama backt einfach so mal schnell einen Kuchen, ich kämpfe immer noch mit der erfolgreichen Fertigstellung eines Biscuitbodens.

Sie wollte immer, dass ich Lehrerin werde – ich konnte mir nie etwas Schlimmeres vorstellen.

Wie so oft kommt mir unweigerlich irgendwann der Gedanke, wie unterschiedlich mein Leben zu dem meiner Mama ist, als sie in meinem Alter war. Sie war mit 25 bereits Mutter von 3 Kindern, plante gerade den Hausbau, managte das Familienleben und arbeitete dazwischen immer wieder Mal, wenn wir Kinder es zugelassen haben. Sie hat meinen Dad voll und ganz in seiner Karriere unterstützt und es dabei auch noch vollbracht, dass sich meine Geschwister und ich pudelwohl gefühlt und nicht die Köpfe abgerissen haben. Sobald unser Alter es zugelassen hat, hat sie wieder angefangen zu arbeiten. Zuerst Teilzeit, dann Vollzeit, anfangs als Angestellte, dann war sie Geschäftsführerin – heute ist sie selbstständig. Irgendwann zwischen meinen Teenagereskapaden hat sie angefangen, beim roten Kreuz ehrenamtlich zu arbeiten. Jetzt, nachdem alle Kinder eigentlich außer Haus sind, konzentriert sie sich voll und ganz auf ihre Agentur und schmeißt dennoch auch das Leben als Ehefrau, Hausfrau und Mutter.

Und, eine Frage, die mich dann doch immer wieder beschäftigt ist: Bin ich die Tochter, die sich meine Mama gewünscht hat? Nicht unbedingt, was die Ausbildung und Berufswahl betrifft (mal abgesehen davon, dass es meinen Beruf vor 25 Jahren noch gar nicht gegeben hat). Viel mehr, wie ich mich entwickelt habe. Wie ich welche Entscheidigungen treffe, was ich (bisher) aus mir gemacht habe. Hat sich meine Mama das vorgestellt, als sie mich vor 25 Jahren das erste Mal in den Händen hielt? Ich weiß, meine Eltern sind stolz auf mich – so im Großen und Ganzen, auch wenn wir nicht immer einer Meinung waren oder sind. Aber, spätestens jetzt kann ich sie nicht mehr nur damit beeindrucken, dass ich auf zwei Beinen laufe oder einen gscheiten Satz formulieren kann (wobei, nach der Feier zu meinem 25. Geburtstag vielleicht schon) und – wenn ich ehrlich bin, das ist im Endeffekt einer meiner langfristigen Ziele, ein Lifegoal sozusagen. Nicht eine perfekte Tochter zu sein, aber wenn möglich einfach die perfekte Tochter für meine Mom und meinen Dad.

Die perfekte Tochter

Der 2. Sonntag im Mai steht an und das bedeutet in erster Linie nicht, dass die Zeit wieder zu viel und zu schnell rennt, sondern vor allem eines: Muttertag steht vor der Tür. Schon immer haben wir in meiner Familie Mutter- und Vatertag gefeiert. Generell war ich noch nie ein Freund dieser immer wieder aufkommenden „Alles-nur-Kommerz“-Beschwerden, aus dem einfachen Grund, dass ich es liebe, diese besonderen Tage für besondere Menschen ganz besonders zu machen. Also schnappt euch eure Mama und den Rest der Familie und macht den Tag besonders – egal ob mit einem netten Frühstück, einem liebevollen Geschenk oder einfach gemeinsam verbrachter Zeit.

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4 Comments

  • 1 Jahr ago

    Toller Post Denise :) Dieselben Fragen stelle ich mir auch immer wieder, aber ich glaube für unsere Eltern ist es das Wichtigste zu sehen, dass wir glücklich sind mit dem was wir tun.
    Ich wünsche euch einen schönen gemeinsamen Muttertag am Sonntag :)
    Alles Liebe,
    Sarah

    http://www.liebreizend.com

  • Mara
    1 Jahr ago

    Wunderschöner und toller Text!
    Ich mag deine Schreibweise sehr, man kann sich in deine
    Texte hineinversetzen :)

    Liebe Grüße, Mara

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