Vom allein und glücklich sein

„Du hast einen Freund, oder?“

Ihre Frage klingt rhetorisch, weil sie sich dunkel daran erinnert, dass ich ihn immer wieder mal in meinen Blogbeiträgen erwähnt habe, er auch auf meinen Social Media Kanälen vertreten war & vermutlich ist sie ihm sogar schon einmal begegnet. Ich halte kurz inne. Beinahe wäre mir die übliche Antwort über die Lippen gekommen – die, die du nach 7 Jahren einfach intus hast. Ich schlucke kurz. „Nein, ich bin… single.“ Es ist das erste Mal, dass ich es laut ausspreche. Das erste Mal, dass ich es einem Menschen gegenüber erwähne, mit dem ich nicht tagtäglich in Kontakt bin. Neben mir sieht mich Nina mit wissendem Blick an und sie reicht mir das volle Gin Tonic Glas. Meine Gesprächspartnerin zieht unangenehm berührt die Schultern ein: „Oh seit wann das denn?“ Die erste Frage, die dir jeder nach deinem Beziehungsende stellt. Ich beisse mir auf die Unterlippe. „Einer Woche.“ Ihr Blick sagt mehr als tausend Worte: Mitgefühl, irgendwie peinlich berührt und bestürzt und doch neugierig. „Und wie gehts dir damit?“

Die zweite Frage,
die dir jeder nach deinem Beziehungsende stellt
.


„Sorry, dass ich vorher so komisch reagiert habe. Ich wusste einfach nicht ob ich weinen oder lachen soll“, sage ich zu ihr und blicke sie entschuldigend an. „Ah Gott bitte, mach dir keine Gedanken! Ich wusste selbst nicht wie ich reagieren sollte – ich weiß ja noch gar nicht was passiert ist“, antwortet sie und gibt mir mit ihrem Gesichtsausdruck zu verstehen, dass ich ihr keine Erklärung schuldig bin und mich nicht verpflichtet fühlen muss etwas zu erzählen. Dass sie auch ohne es zu wissen für mich da ist. Bis zu diesem Zeitpunkt weiß sie nur, dass wir uns getrennt haben, aber nicht warum. Ich überlege nicht lange, erkläre wieso, weshalb, warum. Sie hört mir zu, nickt, lächelt mich aufmunternd an. Es ist merkwürdig, wie wenig Sätze es nach einer gewissen Zeit braucht, um auf den Punkt zu kommen; die wichtigsten Fakten zu nennen. „Und wie gehts dir damit?“ Ich brauche einen Moment, muss beinahe überlegen, was die richtige Antwort ist. „Ich… weiß es nicht. Es geht mir nicht gut. Aber es geht mir auch nicht schlecht. Ich… Keine Ahnung“, gebe ich ehrlich zu und blicke in die insgesamt drei Augenpaare gegenüber von mir. Es folgt kein betretenes Schweigen, niemand ist peinlich berührt oder weiß nicht, was er mit meiner Antwort anfangen soll. Im Gegenteil: Eine Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen & der Spruch ist so unglaublich tief, dass ich nicht mal mehr weiß, um was es ging, sondern nur, dass ich mich beinahe an meinem Guinness verschluckt habe.

Und das ich so laut gelacht habe wie schon lange nicht mehr.

„Du nimmst das Büro jetzt fix?“, höre ich Mara am anderen Ende der Leitung und ich erkenne die Aufregung in der Stimme. Sie gehört zu jenen Menschen, die sich komplett und ohne Neid für andere Erfolge und Meilensteine freuen können – eine der Eigenschaften, die ich einfach über die Maßen Liebe. „Yes, ich glaube es ist die richtige Entscheidung. Und die Wohnung werde ich kündigen“, antworte ich und blicke mich im selben Moment im Wohnzimmer um, das gerade mehr einer Art Baustelle ähnelt. „Find ich gut!“ In dem Moment muss ich schmunzeln. So sehr ich mich auch in diese 4 Wände vor über einem Jahr verliebt habe, es sind nicht meine eigenen mehr. Und auch wenn ich alles schrecklich vermissen werde und bereits nach nur 17 Monaten so viele unzählige & unvergessliche Erinnerungen damit verbinde, ist es der richtige Schritt. Ich atme tief ein.

Ich finds auch gut.“


Der Winter hat Wien an diesem Tag fest im Griff und abgesehen davon, dass es sich um einen klassischen Montagmorgen inklusive Kaffeeflut auf dem Schreibtisch handelt, bin ich einfach nur todmüde. Ich spüre die nur vier Stunden Schlaf von einem grandiosen Wochenende in Mark & Bein und bereue es zwar fast, mir selbst nicht mehr gegönnt zu haben, würde es aber auch im Nachhinein nicht anders machen wollen. Trotzdem: Mein Resting Bitch Face spricht Bände, als gerade die erste Nachricht des Tages bei mir eingeht. „Wie siehts bei dir eigentlich mit Asien aus? Ich fühle die Winterdepression bei mir ausbrechen.“ Unweigerlich grinse ich den Bildschirm an. In all den Jahren, die wir uns nun kennen und als beste-Freundin-Material gefunden haben, haben wir es genau einmal geschafft gemeinsam zu verreisen. Die Chance steht gefühlt 1 zu 1 Million, dass am Ende wirklich etwas dabei rauskommt, aber die letzte Zeit versuche ich mich gerne mit überschwänglichem Optimismus. Nach wenigen Momenten haben wir unser Ziel gefunden: Kambodscha. Wir checken mögliche Flugdaten, recherchieren welche Plätze man gesehen haben sollte und abends glaube ich sogar schon daran, dass es zu 89% möglich ist, dass der Plan aufgeht. Trotz Müdigkeit und tosender To-Do-Liste komme ich auch an diesem Tag viel zu spät ins Bett. Eine Tatsache, die ich spätestens um 7:00 Uhr bereue, als mein Wecker mich aus dem wohlverdienten Schlaf reißt. Ich blicke aufs Handy und bin mit einem Mal hellwach, als ich sehe wie sie mir just in diesem Moment Screenshots von Flugdaten schickt. In einem romantisch-dramatischen Selbstfindungsfilm würde ich jetzt eventuell ein inspirierendes Zitat lesen, kurz in mich gehen und nervös auf die Uhr blicken. Aber die Wahrheit ist: Ich denke keine zwei weiteren Sekunden mehr darüber nach und schreibe die vermutlich besten Worte des gesamten Jahres fast zeitgleich an sie zurück: „DO IT! Lass uns buchen!“ Und mein Herz zerspringt vor Freude, als ich die Buchungsbestätigung im Postfach habe. Mit dem Lieblingsmensch das bisher größte und erste Abenteuer außerhalb von Europa erleben?

Jackpot.


Ich stehe alleine auf, gehe alleine mit Paul raus, koche & esse alleine. Ich schlafe alleine und suche mir alleine abends einen Film aus. Seit ich denken kann, lebe ich zum ersten Mal in meinem Leben alleine. Nach 7 Jahren ist aus dem ‚Wir‘ wieder ein ‚Ich‘ geworden.
 

Ich bin allein
und ich bin glücklich.

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11 Comments

  • Jasmin
    2 Wochen ago

    Oh ich verstehe dich so gut! Mir geht es ja ähnlich aber das Wichtigste ist einfach das Beste daraus zu machen! Die Zeit genießen und zu reisen bietet sich dafür natürlich an :)
    Ich finde es auch schräg wie schnell sich alles ändert und in eine andere Perspektive gerückt wird. Unsere Trennung kann ich mittlerweile sogar mit einem einzigen Satz beschreiben/erklären, was das Ganze für Außenstehende natürlich noch viel eigenartiger macht. Aber solange man Freunde und Familie hat, die einen so akzeptieren wie man ist, auch wenn man selbst gerade nicht genau weiß wie man sich fühl oder was man mit sich anfange soll, wird alles gut! (Oder sogar besser ;) )
    Ich wünsch dir alles alles Gute für die Zukunft und viel Spaß in Kambodscha!! Wird sicher super!
    Alles Liebe
    Jasmin

  • 2 Wochen ago

    Liebe Denise,
    was für ein berührender Beitrag!
    Ich weiß wir kennen uns gar nicht, aber ich finde dass man in den Worten deine Gefühl richtig greifen kann.
    Die Entscheidung einfach mal eine Reise zu machen ist mMn die beste die man machen kann. Und ich wünsche dir eine super Zeit, aber ich glaube das erledigt sich von selbst!
    Alles Liebe,
    Mira

  • Barbara
    2 Wochen ago

    Liebe Denise,

    als Vorarlbergerin in Wien folge ich dir natürlich, habe aber nicht sehr oft die Zeit deinen Blog zu lesen. Doch an diesem Beitrag kam ich einfach nich umher. Deine Ehrlichkeit und sehr feinfühlige Art des Schreibens haben mich gerade total geflasht und berührt! Ich wünsche dir viel Kraft für die kommende Zeit und viel Spaß in Asien!

    Liebe Grüße,
    Barbara

    • 6 Tagen ago

      Danke für deine Nachricht und die lieben Worte!! <3

  • 2 Wochen ago

    Als hätte das Schicksal gewollt das ich deinen Beitrag lese, obwohl ich nicht an Schicksal glaube. Mir ist gerade echt eine träne entflossen als ich über meine Situation nachdenken musste. Ich habe auch noch nie alleine gewohnt. Ich habe sogar angst alleine zu sein hatte ich schon als Kind. Nun bin ich seit 7,5 jahre in einer Beziehung und überlege mir ob ich weiterhin unglücklich warten soll ob sich was ändert oder riskieren das ich danach noch unglücklicher bin als vorher.

    • 6 Tagen ago

      Ohne dich und deine Situation zu kennen: Willst du wirklich unglücklich sein und dich dafür nicht deiner Angst stellen müssen?

  • 2 Wochen ago

    Ich habe Tränen in den Augen. Weil mich dieser Text so unfassbar berührt hat.
    Wie schon auf Instagram beschrieben bin ich einfach nur dankbar für diesen Beitrag.
    Er gibt mir so viel Hoffnung und nimmt mir so viel Schmerz.

    Vielen Dank Denise. <3
    Kat

  • Sarah
    2 Wochen ago

    Liebe Denise, bin auch Leserin deines Blogs, umso mehr seit ich vor einem halben Jahr von Vorarlberg nach Wien gezogen bin. Wenn du mal Lust auf ein Cafele in Wien mit gsiberger Dialekt hast würde ich mich freuen! Viel Kraft in dieser Zeit!

    • 6 Tagen ago

      Hallo Sarah! :) Können wir gerne mal machen :) Danke dir!

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